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News

29.12.2016

Schlafforscher: Wir sind eine unausgeschlafene Gesellschaft

Gesunder Schlaf ist für die körperliche und psychische Gesundheit enorm wichtig. Viele Menschen betreiben jedoch Raubbau an ihren Schlafzeiten – sei es unfreiwillig, oder weil es als sexy gilt, ein besonderes Stehvermögen zu demonstrieren.

Wissenschaftler und Ärzte haben angesichts der Zunahme von Schlafstörungen in Deutschland einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft für das menschliche Grundbedürfnis nach Schlaf gefordert. „Ausmaß und Folgen von Schlafstörungen werden noch nicht ausreichend ernst genommen“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), Alfred Wiater, anlässlich der Jahrestagung in Dresden. Statt medizinischer Spezialisierung brauche es auch eine ganzheitliche fächerübergreifende Diagnose und Behandlung. Laut Wiater ist ein Großteil der gut 70 Arten im Kindesalter feststellbar. Angesichts gravierender Auswirkungen wie schwerer Unfälle infolge von Sekundenschlaf, Herzkreislauf-Erkrankungen bei unbehandelter Schlafapnoe, Stoffwechselstörungen bei Schlafmangel oder Konzentrations- und Lernprobleme bei Kindern bestehe dringend Handlungsbedarf. Dazu gehöre auch die intensive Verankerung der Schlafmedizin in der hausärztlichen Versorgung.

Schlafprobleme und -störungen sind verbreitet

Laut DGSM leiden etwa zwei Drittel der westlichen Bevölkerung unter chronischem Schlafmangel, bundesweit haben sechs Prozent oder 4,8 Millionen Menschen behandlungsbedürftige Ein- und Durchschlafstörungen. „Das ist eine Volkskrankheit“, sagte der Psychologe Hans-Günter Weeß. „Wir sind eine unausgeschlafene oder schläfrige Gesellschaft“, mit negativen Auswirkungen auf Gesundheit, aber auch Leistungs- und Arbeitsfähigkeit oder Fahrtüchtigkeit. „Schläfrigkeit oder Sekundenschlaf sind gefährlicher als Alkohol am Steuer“, benannte der Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums des Pfalzklinikums Klingenmünster (Rheinland-Pfalz) einen Aspekt. „Die Zahl der Unfalltoten ist mindestens doppelt so hoch wie durch Alkohol.“

Viele Menschen können nicht gut abschalten, seien noch im Bett gedanklich und emotional bei den Alltagsproblemen. „Anspannung ist der Feind des Schlafes“, sagte Weeß. Dabei sei das eine elementare Lebensfunktion wie Essen, mit entsprechendem Gewicht im Leben.

Persönlicher Schlafrhythmus wird ignoriert

„Die meisten leben ständig gegen ihre innere Uhr“, sagte Weeß. So arbeiten demnach fast 10 Prozent der Deutschen dann, wenn sie eigentlich im Schlafmodus sind. Auch 18 Prozent der Spitzenkräfte in der Wirtschaft und ein Drittel der Spitzenpolitiker haben weniger als fünf Stunden Schlaf täglich. „Wir ticken falsch“, sagte Psychologe Weeß. „Wenig Schlaf wird mit Fleiß und Tüchtigkeit assoziiert.“ Übermüdet aber könnten keine klaren Entscheidungen gefasst werden. „Da will jeder nur noch eines: ins Bett“, sagte Weeß.  

„Deutschland steht zu früh auf, die innere Uhr stimmt nicht mit unseren gesellschaftlichen Zeiten überein“, sagte er auch unter Verweis darauf, dass die Schule für Pubertierende und Ältere später beginnen sollte. „9 Uhr wäre gut, da sind alle Pubertierenden ausgeschlafene Eulen.“ Es brauche mehr Aufmerksamkeit für den Schlaf und seine Bedeutung für Gesundheit und seelisches Wohlbefinden. Aber in der Realität werde das individuelle Schlafprogramm vom Wecker unterbrochen. «Dabei würde niemand auf die Idee kommen, die Spülmaschine zu beenden, wenn das Geschirr noch schmutzig ist.»

Quelle: dpa