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21.01.2015

Psychotherapie und Medikamente ergänzen sich

Psychotherapie oder Medikamente? Die Frage ist erstens nicht pauschal zu beantworten und zweitens sogar falsch gestellt. Denn oft ist die richtige Behandlung bei psychischen Problemen nicht das eine oder das andere, sondern die intelligente Kombination aus beidem.

Lohnt es sich, lange auf einen Termin bei einem Psychotherapeuten zu warten? Das hängt vor allem von der Art und Schwere der psychischen Störung ab. Aktuelle Studien zeigen: Manchmal ist Reden Gold, manchmal können Psychopharmaka die bessere Alternative sein. Häufig verspricht die Kombination von Psycho- und Arzneimitteltherapie die beste Hilfe. «Im Endeffekt wirken eine psychotherapeutische Behandlung und ein Medikament im Gehirn ähnlich», erklärt Prof. Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. «Das Gehirn wird in beiden Fällen neurobiologisch verändert, entweder durch Chemie oder durch die Interaktion mit dem Therapeuten.» Einzig der Zugangsweg sei unterschiedlich - und der Aufwand: Um eine Pille zu schlucken, ist viel weniger Zeit notwendig als für einen wöchentlichen Termin beim Psychotherapeuten.

Ob Pillen oder Gespräche das Mittel der Wahl sind, hängt dem Experten zufolge von vielen Faktoren ab: «Verschiedene Krankheitsbilder sprechen unterschiedlich auf eine Psychotherapie oder auf Medikamente an.» Und Psychopharmaka, die beruhigen, beispielsweise Benzodiazepine, verringerten in Akutphasen häufig erst die Anspannung und Schlaflosigkeit. Diese Medikamente bereiten sozusagen den Boden für weitere psychotherapeutische Maßnahmen. Ein weiteres Kriterium ist dem Experten zufolge der Schweregrad der Erkrankung. «Grob gesagt ist es so: Je schwerer die Erkrankung, desto eher setzt man Medikamente ein.» Und häufig wirke die Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie besonders gut.

Ob und in welchen Fällen Pillen oder eine Psychotherapie helfen, haben Maximilian Huhn von der Klinik und Poliklinik der TU München und seine Mitarbeiter untersucht. In ihre Analyse flossen 61 Übersichtsarbeiten - sogenannte Metaanalysen - mit 852 Einzelstudien und fast 140 000 Patienten ein. Das Ergebnis: Viele Psycho- und Arzneimitteltherapieverfahren sind wirksam. Ihre Wirkstärken liegen aber nur in einem mittleren Bereich. Psychotherapeutische Verfahren wirken den Forschern zufolge sogar stärker als Arzneimittel.

Aufgrund der unterschiedlichen Methoden, die in der Psychotherapieforschung und der Arzneimittelforschung angewendet werden, seien indirekte Vergleiche jedoch problematisch. Hinzu kommt: In den wenigen Studien, in denen beide Therapieverfahren direkt verglichen wurden, zeigten sich keine Unterschiede in der Wirksamkeit. «Wir haben ausschließlich leitlinengemäße Therapien untersucht», erklärt Maximilian Huhn. «Es gibt gerade im Bereich der Psychotherapie aber viele neue Verfahren, die sicher auch ihre Qualitäten haben. Doch es fehlt die Datenlage, um beurteilen zu können, wie wirksam sie im Vergleich zu älteren etablierten Verfahren wie der Verhaltenstherapie sind.»

Wissenschaftlich signifikante Unterschiede konnten Maximilian Huhn und seine Mitarbeiter nur bei wenigen der untersuchten 21 Krankheitsbilder feststellen: Bei der Schizophrenie zeigte sich die Arzneimitteltherapie im Direktvergleich der Psychotherapie zwar überlegen, die Kombination der Medikamente mit einer kognitiven Verhaltenstherapie ist der Untersuchung zufolge jedoch noch besser als das alleinige Pillenschlucken. Bei Depression, Sozialer Phobie und Panikstörungen ist eine Kombinationstherapie ebenfalls am besten. Gleiches gilt für die Ess-Brechsucht (Bulimie), bei der sich im Direktvergleich Vorteile für die Psychotherapie zeigten.

Welche Patienten von einer zusätzlichen Verhaltenstherapie profitieren könnten, haben US-Forscher der Vanderbilt Universität in Nashville bei Depressiven untersucht: Bei einer schweren Depression mit ausgeprägten Symptomen sei die Kombination von Psycho- und Arzneimitteltherapie der alleinigen Einnahme von Antidepressiva überlegen, lautet ihr Fazit.

Sie hatten rund 450 Patienten maximal drei Jahre lang behandelt - eine Hälfte der Studienteilnehmer bekam ausschließlich Medikamente, die andere zusätzlich eine kognitive Verhaltenstherapie. Bei Patienten mit einer leichten Depression stellten die Wissenschaftler keine bedeutsamen Unterschiede fest. Chronisch Kranken scheint eine zusätzliche Verhaltenstherapie ebenfalls nicht zu nutzen.

Für eine effektive Therapie ist auch der Faktor Zeit entscheidend: «Je länger man wartet und die Depression mit sich herumträgt, desto schwieriger wird es», sagt Maximilian Huhn. «Wenn man ein, zwei Tage schlechte Laune hat, ist es sicher keine Depression. Aber wenn es länger anhält, sollte man sich Hilfe holen.» Die Unterscheidung zwischen vorübergehend schlechter Laune und einer Depression ist nicht immer einfach. Dem Psychiater zufolge hilft die Frage nach der Ursache manchmal schon weiter: «Gibt es einen Auslöser für eine Krise? Jobverlust, der Tod eines Angehörigen oder eine Trennung?»

Literatur:
Huhn M, Tardy M, Spineli LM et al. Efficacy of pharmacotherapy and psychotherapy for adult psychiatric disorders. A systematic overview of meta-analyses. JAMA Psychiatry 2014;71:706-15.

Hollon S D et al. Effect of Cognitive Therapy With Antidepressant Medications vs Antidepressants Alone on the Rate of Recovery in Major Depressive Disorder. A Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry 2014;71(10):1157-1164.

Quelle: dpa