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News

24.04.2017

Depressionen bleiben unterschätzt

Neigungen zu Depressionen können genetisch bedingt sein und reaktiv auf traumatische Erlebnisse oder länger andauernde Stressphasen entstehen.

Depressive Störungen zählen nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit mit Blick auf ihre Schwere zu den am meisten unterschätzten Erkrankungen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass weltweit mehr als 300 Millionen Menschen mit einer Depression leben - das bedeute einen Anstieg der Diagnosen um 18 Prozent zwischen 2005 und 2015. 2020 könnten Depressionen bereits die zweithäufigste Volkskrankheit sein. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens daran zu erkranken, wird auf 11 bis 15 Prozent geschätzt. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, suchen aber in der Regel schneller Hilfe.

Aufklärung für besseres Verständnis wichtig

„Psychische Erkrankungen haben etwas Unheimliches“, sagt Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Leipzig. Es verändere sich ja nicht nur ein Organ oder Körperteil, sondern das Innerste, das Selbst. Das sei für die Betroffenen kaum erträglich. „Das gleiche gilt aber auch für Angehörige, Freunde und Kollegen, die diese Veränderungen auch bemerken. Sie sind beunruhigt, weil sie es nicht verstehen.“ Nicht-Verstehen heißt oft auch Nicht-Wissen. Eine Depression ist keine Reaktion auf schwierige Lebensumstände, Stress oder andere Probleme. „Es ist eine eigenständige schwere Erkrankung“, betont Hegerl.

Viele verwechselten eine Depression jedoch immer noch mit „schlecht drauf sein“. Oft treffe sie Menschen, die als Gesunde sehr verantwortlich und leistungsorientiert seien. Die Veränderungen der Persönlichkeit stellten Mitmenschen deshalb vor ein besonders großes Rätsel. Sätze wie „Nun reiß' dich mal zusammen“ bewirkten aber nur noch größere Verzweiflung der Betroffenen. „Bei einer schweren Depression kann sich auch der disziplinierteste Mensch nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen“, sagt Hegerl. Mit professioneller Hilfe aber sei sie meist gut behandelbar.

Neigungen zu Depressionen können genetisch bedingt sein, aber auch durch traumatische Erlebnisse entstehen. „Die Veranlagung führt zu veränderten Hirnfunktionen, zum Beispiel zu stärkeren Reaktionen auf Stress unterschiedlichster Art“, erläutert der Experte. Viele Botenstoffe im Körper, die den Schlaf steuerten, den Appetit, aber auch die Fähigkeit Freude oder Hoffnung zu empfinden, wirkten anders. Die Depression rückt alles Negative ins Zentrum des Erlebens und vergrößert es riesenhaft: Stress im Job, in der Partnerschaft oder auch körperliche Beschwerden.

Entstigmatisierung hilft Betroffenen

Vorurteile gegenüber Depressionen sind tief verwurzelt. Doch Hegerl sieht Fortschritte. Die Krankheit werde heute häufiger erkannt. Es steige also nicht die Häufigkeit an sich, sondern die Zahl der Diagnosen. „Eine sensationell gute Entwicklung sind die sinkenden Suizidraten in Deutschland“, sagt er. Ein gutes Zeichen sei auch, dass Prominente wie Adele oder Bruce Springsteen offen über ihre Erkrankung sprächen. Dennoch kann es auch mit gutem Willen ein weiter Weg bis zum richtigen Arzt sein. „Depression ist die Erkrankung in unserem Gesundheitssystem mit dem größten Optimierungsspielraum“, formuliert es Hegerl vorsichtig. Obwohl mit Antidepressiva und Psychotherapie gute Möglichkeiten zur Verfügung stünden, erhalte nur eine Minderheit der Patienten eine Behandlung nach den Leitlinien.

Wird eine depressive Erkrankung früh erkannt, ist sie meist gut behandelbar. Dabei gibt es sowohl psychotherapeutische als auch medikamentöse Therapien. Die WHO sieht allerdings einen Mangel an Unterstützung für psychisch kranke Menschen, gekoppelt mit dem Stigma, das Betroffene fürchten. Deshalb erhielten sogar in Industrienationen nur rund die Hälfte von ihnen Hilfe. 

Quelle: dpa