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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Gegen Ängste und Depressionen können auch digital unterstützte Psychotherapien helfen

In Deutschland leiden rund 18 Millionen Menschen an Angststörungen, Depressionen oder Burn-out. Allerdings gibt es zu wenige Therapieplätze, die Wartezeiten bei den Psychotherapeuten sind daher lang und betragen im Mittel drei bis sechs Monate, in denen sich die Symptome der Betroffenen oft verschlimmern. Manchmal ist auch bei vielen Patienten die eigene Hemmschwelle zu hoch, sich an einen Therapeuten zu wenden. Diese Situation hat sich in der Corona-Pandemie infolge der Einschränkungen der sozialen Kontakte und der gewohnten Tagesstruktur noch verschärft, so dass die Anzahl psychisch überlasteter Patienten, die Hilfe benötigen, deutlich zugenommen hat. Hier sollen digital unterstütze Psychotherapien – zum Beispiel in Form von Online-Kursen am Computer oder Handy oder per Videokonferenzen - Abhilfe schaffen. Deren Vorteile liegen auf der Hand, denn digital unterstützte Psychotherapien sind zeitnah zugänglich, stellen eine geringere Hemmschwelle dar und können – selbst wenn sie als alleiniges Angebot nicht ausreichen sollten – zumindest die Wartezeit bis zur persönlichen Therapie beim Psychotherapeuten sinnvoll überbrücken. „Evidenzbasierte Online-Angebote können die klassische Psychotherapie zwar nicht ersetzen, aber bei weniger schwerwiegenden Symptomen oder für Menschen mit großer Hemmschwelle ein hilfreiches Angebot und eine gute Ergänzung darstellen“, erklärt Prof. Dr. med. Thomas Pollmächer, Präsident der DGPPN, Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I in Ingolstadt.

Qualität mit konventioneller Psychotherapie vergleichbar

Von den Krankenkassen zugelassen und daher für Patienten kostenlos zugänglich sind die sog. digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs), deren Nutzen bereits gut belegt ist. Meist handelt es sich dabei um therapeutenunterstützte Online-Programme, die der Patient weitestgehend selbstständig an seinem PC oder Handy durchläuft, wobei er aber regelmäßig Rückmeldung durch einen Therapeuten erhält, der auch für Fragen zur Verfügung steht. „Insbesondere für psychiatrische Indikationen wie Depression, generalisierte Angststörung und Panikstörung sind DiGAs verfügbar, deren Wirksamkeit und nachhaltigen Effekte in Studien bewiesen wurden – und zwar in vergleichbarer Qualität wie die konventionelle Psychotherapie“, berichtet Prof. Pollmächer.

Digitale Technologien können auch die Versorgung bei Demenz optimieren

Digitale Technologien wie Wearables, Smartphones und telemedizinische Anwendungen spielen auch eine Rolle, um die Versorgung von Alzheimer-Patienten zu optimieren. Außerdem kommen digitale Anwendungen in der Nachsorge zum Einsatz, zum Beispiel in der Rückfallprävention von Essstörungen. Darüber hinaus werden aktuell E-Mental-Health-Anwendungen für die Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen erforscht, wobei die Anzahl an Belegen für deren Wirksamkeit und Effekte zwar schon zugenommen hat, aber für eine endgültige Beurteilung noch zu gering ist.

Persönlicher Kontakt zum Therapeuten ist auch bei Online-Angeboten wichtig

Es gibt erste Hinweise, dass auch Chatbots – d.h. automatisierte Sprachassistenten – psychische Belastungen positiv beeinflussen und Virtual Reality-gestützte Psychotherapien wirksam sein können. „Allerdings ist der therapeutische Effekt bei Onlineverfahren ohne Kontakt zu einem Therapeuten stets geringer als bei Programmen, die mit therapeutischer Unterstützung angelegt sind“, betont Prof. Pollmächer. „Eine psychotherapeutische Behandlung beruht auf fachlichen Standards, die sicherstellen, dass eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Patienten und Psychotherapeuten hergestellt werden kann. Dazu gehört auch der persönliche Kontakt von Angesicht zu Angesicht.“

Vorgeschaltete Diagnostik durch einen Facharzt ist empfehlenswert

Generell ungeeignet sind digitale Anwendungen, wenn sich Menschen in akuten, schweren Krisensituationen befinden. „Grundsätzlich ist eine vorgeschaltete Diagnostik durch einen Facharzt empfehlenswert, bei der sich dieser einen ausreichenden Eindruck vom Patienten, seinem körperlichen und psychischen Zustand und seiner sozialen Einbindung machen kann“, erläutert Prof. Pollmächer. Ansonsten können gerade psychische Erkrankungen bei fehlendem, realen Patientenkontakt möglicherweise nicht korrekt erkannt oder verharmlost werden, was eine krisenhafte Zuspitzung oder Chronifizierung von psychischen Leiden zur Folge haben kann. „Außerdem werden Angebote, die anonym und ohne vorherigen Abklärungsprozess mit einem Therapeuten gestartet werden, wegen der geringeren Hemmschwelle zwar gerne genutzt, aber oft auch wieder abgebrochen“, fasst Prof. Pollmächer zusammen.

Digitale Transformation auch auf dem Jahreskongress der DGPPN im Fokus

Neue Erkenntnisse in der digitalisierten Psychotherapie sollen auch auf dem Kongress der DGPPN, der vom 24.–27.11. als Hybridveranstaltung mit Präsenz- und virtuellen Vorträgen stattfindet, präsentiert und diskutiert werden, um das Potenzial der digitalen Behandlungsansätze vor allem im Hinblick auf das Patientenwohl und die Patientensicherheit noch genauer im Expertenkreis zu definieren.

Mehr Informationen zu den Programmhighlights des Jahreskongresses der DGPPN: https://www.dgppnkongress.de

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