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15.11.2016

Häufige Kopfschmerzen keinesfalls länger hinnehmen - Gefahr eines Schmerzgedächtnisses besteht

Menschen, die häufig unter Kopfschmerzen leiden, sollten diese Beschwerden nicht einfach hinnehmen sondern mithilfe einer gezielten Behandlung gegensteuern. Wichtig ist dabei, dass eine fachärztliche Diagnose vorliegt und Schmerzmittel nach ärztlicher Anweisung eingenommen werden.

Menschen, die oft unter Kopfschmerzen leiden, sollten diese Beschwerden nicht einfach ertragen, sondern mithilfe einer fachärztlichen Behandlung gegensteuern. Viele Kopfschmerzarten können heutzutage effektiv behandelt werden, so dass die Häufigkeit und Schwere der Anfälle vermindert werden kann. „Man nutzt sich und seinem Körper gar nicht, wenn man Schmerzen aushält, die eigentlich beseitigt werden könnten. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall, denn dauerhafte Schmerzen können zu Veränderungen im Körper führen und das Nervensystem immer empfindlicher machen“, warnt Dr. Bergmann vom Berufsverband Deutscher Nervenärzte e.V. (BVDN) mit Sitz in Krefeld. „In der Folge kann es zu anhaltenden Schmerzen kommen, die Schmerzen können sich verselbstständigen und können sich auch auf andere Körperbereiche ausdehnen.“ Diese Verselbstständigung von Schmerzen ist grundsätzlich ein höchst problematischer Prozess, der nur noch schwer zu beeinflussen ist und der langfristig zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Körperfunktionen führen kann.

Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses verhindern

Normalerweise haben Schmerzen die Funktion, Menschen vor Gefahren zu warnen. Sie geben ihnen die Möglichkeit, gegenzusteuern und sich zu schonen, bis die Schmerzursache abgeheilt ist. Dauern Schmerzen jedoch über eine längere Zeit an, kann es zur Ausprägung eines Art Schmerzgedächtnisses kommen. Intensive, wiederholte oder andauernde Kopfschmerzen verändern, wie alle anderen Schmerzen auch, in den Nervenzellen des Gehirns die Aktivität von Genen. Infolgedessen kommt es zu Veränderungen von Verschaltungen sowie zum Umbau des Nervenzellnetzwerks. „Schmerzen sollen zunächst zur Abwehr von weiterem Schaden motivieren und Betroffene dazu drängen, ein gezieltes, sinnvolles Verhalten für deren Besserung oder Heilung einzuleiten. Bei chronischen Schmerzen ist diese nützliche Funktion verloren gegangen und Schmerzen bestehen fort, ohne dass noch eine Ursache zu finden ist“, erklärt der Nervenarzt. „Obwohl die auslösende Schmerzreizung lange zurückliegt, sind die Nervenfasern noch aktiviert oder haben eine besondere Empfindlichkeit gegenüber aktivierenden Reizen entwickelt. Diese erworbene Empfindsamkeit kann dann die Wahrnehmung von Schmerzen und auch das Leiden an den Schmerzen deutlich steigern.“ Die Schmerzareale werden größer und das Schmerzempfinden wird durch Überlastung und Stress noch weiter verstärkt und es kommt zu chronischen Schmerzen. 

Auch seelische und soziale Faktoren unterhalten dann das Schmerzgeschehen

Als chronische Schmerzen werden solche bezeichnet, die seit sechs Monaten fast immer vorhanden sind oder häufig wiederkehren und Betroffene körperlich und auch sozial beeinträchtigen. Chronische Schmerzen verändern nicht nur die Funktionsweise des Nervensystems, sondern können durch die gesteigerte Empfindlichkeit auch eine schmerzbedingte Persönlichkeitsänderung hervorrufen. „Unter dem Eindruck des Schmerzes und damit einhergehender Beeinträchtigungen kann es zu einem ausgeprägten Vermeidungsverhalten kommen. Durch das Bestreben, schmerzassoziierte Tätigkeiten zu vermeiden kann es zu Veränderungen des Denkens, der Stimmung, des Antriebs und zum Rückzug aus der sozialen Umgebung kommen. Anhaltende innere Anspannungszustände sowie Ängstlichkeit unterhalten das Schmerzerleben und Patienten geraten in einen Teufelskreis“, warnt Dr. Bergmann. „Oftmals kann ein völlige Schmerz-Freiheit dann nicht mehr erreicht werden, lediglich eine Schmerzlinderung und aktive Schmerzbewältigung sind nunmehr möglich.“ In diesem Stadium gilt es dann, durch eine verbesserte Selbstbeobachtung zu erkennen, welche Faktoren die Schmerzen verstärken oder reduzieren, zusätzlich können schmerzlindernde Verfahren erlernt werden.

Mehr als die Hälfte aller Deutschen leidet zumindest gelegentlich unter Kopfschmerzen. Kopfschmerz-Medikamente können eine rasche Linderung etwa bei Migräne und Spannungskopfschmerzen bringen. Wichtig ist jedoch, dass eine fachärztliche Diagnose vorliegt und die Schmerzmittel nach ärztlicher Anweisung eingenommen werden. Werden Medikamente gegen Schmerzen nämlich falsch und zu häufig eingenommen, droht wiederum ein medikamenteninduzierter Dauerkopfschmerz.

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