Neurologen und Psychiater im Netz

Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

12.06.2018

Anhaltender idiopathischer Gesichtsschmerz: Verhaltenstherapie und körperliche Aktivität können helfen

Beim anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerz ist keine Ursache für die Beschwerden erkennbar. Das ärztliche Aufklärungsgespräch ist ein erster wichtiger therapeutischer Schritt. Gemeinsam mit dem Arzt sollten Bewältigungsstrategien gegen Schmerzen und Stress entwickelt werden. Als wirksam haben sich eine Verhaltenstherapie und körperliche Aktivität erwiesen.

Andauernde oder immer wiederkehrende Gesichtsschmerzen können eine erhebliche körperliche und psychische Belastung für die betroffenen Patienten darstellen und die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Besonders groß ist der Leidensdruck, wenn sich keine unmittelbare Ursache für den Schmerz finden lässt, ein Zusammenhang mit einer anderen Erkrankung nicht feststellbar ist und der Schmerzzustand zumindest tagsüber permanent vorhanden ist.  In diesem Fall spricht man von einem anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerz. „Das Krankheitsbild beim idiopathischen Gesichtsschmerz reicht vom Dauerschmerz bis hin zu Beschwerden mit wechselnder Intensität“, erläutert Curt Beil vom Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN). „Das Schmerzzentrum liegt oft einseitig im Bereich der Wange und kann in andere Bereiche wie Nase und Ohr bis hin zum Kinn und Nacken ausstrahlen. Beschrieben wird der Schmerz von den Patienten meist als dumpf und drückend mit brennenden Empfindungen.“ Durch Kälte oder Stress können sich die Beschwerden verschlimmern. Zu Beginn treten die Beschwerden zeitlich begrenzt auf, werden dann aber im Laufe der Zeit chronisch. Rund zwei Drittel der Patienten sind Frauen, von denen die meisten zwischen 30 und 50 Jahre alt sind.

Aufklärungsgespräch erster Schritt

Am Anfang der Therapie steht das Aufklärungsgespräch über das Krankheitsbild, das der Arzt mit dem Patienten führt. „Viele Patienten leiden schon seit längerer Zeit unter ihren Beschwerden, haben bereits zahlreiche diagnostische Verfahren über sich ergehen lassen und fehlgeschlagene Therapieversuche hinter sich gebracht“, so Dr. Beil. „In dieser Situation ist die Aufklärung des Patienten über seine Beschwerden häufig schon eine große Entlastung. Dabei sollte der Arzt offen ansprechen, dass organische Ursachen für die Beschwerden nicht festzustellen sind. Entscheidend ist aber, den Patienten zu motivieren, sich nicht mit der Krankheit abzufinden, sondern gemeinsam mit dem Arzt aktive Bewältigungsstrategien gegen Schmerzen und Stress zu entwickeln. Bewährt haben sich verhaltenstherapeutische Maßnahmen und das Erlernen von progressiver Muskelentspannung.“

Körperliche Aktivität und bestimmte Antidepressiva können unterstützend wirken

Erfahrungsgemäß wirkt sich körperliche Aktivität ebenfalls positiv aus. Dabei sollten allerdings Sportarten wie beispielsweise Walken gewählt werden, bei denen es nicht zu stärkeren Erschütterungen kommt, da dies die Beschwerden verstärken könnte. Ist mit diesen Maßnahmen keine ausreichende Linderung der Schmerzen zu erzielen, können zur therapeutischen Unterstützung bestimmte Antidepressiva eingesetzt werden. „Trizyklische Antidepressiva haben eine positive schmerzverändernde Wirkung und verringern zugleich depressive Symptome wie Niedergeschlagenheit und Ängstlichkeit, unter denen die Betroffenen häufig leiden“, erklärt der Neurologe.

Auf Operationen im Gesicht unbedingt verzichten

Bei einigen Patienten ist der Leidensdruck so groß, dass sie Zahnbehandlungen, eine Operation an den Nasennebenhöhlen oder Injektionsbehandlungen in Erwägung ziehen oder sogar geradezu darauf drängen, um irgendetwas gegen den Schmerz zu unternehmen. Ein zentrales Kriterium für den idiopathischen Gesichtsschmerz ist aber, dass keine erkennbaren Ursachen für die Beschwerden vorliegen. Mögliche Auslöser für andere Gesichtsschmerzen wie Gürtelrose, eine Trigeminus-Neuralgie, Probleme im Kiefer- und Zahnbereich, eine Nasennebenhöhlenentzündung oder Erkrankungen des Zentralnervensystems wie Multiple Sklerose müssen ausgeschlossen sein. Patienten mit einem idiopathischen Gesichtsschmerz sollten sich daher keiner Gesichtsoperation unterziehen. Sie hätte keinen therapeutischen Effekt und könnte unter Umständen sogar die Beschwerden verschlimmern.  

(äin-red) Der Abdruck dieser Pressemeldung oder von Teilen des Artikels ist unter folgender Quellenangabe möglich: www.neurologen-im-netz.org. Bei Veröffentlichung in Online-Medien muss die Quellenangabe auf diese Startseite oder auf eine Unterseite des Patientenportals verlinken. Fotos und Abbildungen dürfen grundsätzlich nicht übernommen werden.