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25.03.2019

Zecken ab 7 Grad aktiv - Wie gefährlich ist die Borreliose?

Die Zeckenkrankheit Lyme-Borreliose ist zwar unangenehm, aber auch gut behandelbar. Wenn sie rechtzeitig entdeckt wird. Ansonsten wird die Diagnose schnell zum kniffligen Puzzle - und manchmal sogar zum Streitfall.

Steigen die Temperaturen über sieben Grad, ist es wieder so weit: Zeckenzeit! Immer lauert dann auch die Gefahr, an der Infektionskrankheit Lyme-Borreliose zu erkranken. In Deutschland infizieren sich laut AWMF-Leitlinie jährlich schätzungsweise zwischen 60 000 und 200 000 Menschen. Das Tückische: Den Stich oder Biss selbst bemerkt nur ein Drittel der Betroffenen. Denn im Speichel der Zecke befindet sich ein betäubender Inhaltsstoff.

Infektionsrisiko steigt mit Dauer des Saugaktes der Zecke

Grund zur Panik gibt es aber nicht, sagt Dieter Hassler, Facharzt für Allgemeinmedizin und Infektiologe aus Kraichtal bei Karlsruhe. «Eine Zecke muss etwa 12 bis 24 Stunden saugen, bis das Risiko einer Infektion mit Borrelien steigt.» Erst dann gelangten die Bakterien in die Wunde. «Wer tatsächlich infiziert ist, sieht das häufig an der Haut.» Frühestens nach acht Tagen, aber spätestens nach vier Wochen bilde sich die Wanderröte - ein roter Fleck um die Stichstelle, der von Beginn an drei Zentimeter groß sei und sich pro Tag etwa drei Millimeter in alle Richtungen ausbreite.

Akute Borreliose-Infektion ist gut zu behandeln

Dieter Hassler betont aber: «Die Wanderröte ist zwar ein charakteristisches Merkmal, aber tritt nicht bei allen Betroffenen auf.» Weitere Symptome seien Schweißausbrüche, Grippegefühl, Fieber, Muskel-, Gelenk- und Kopfschmerzen. «Wer solche Anzeichen nach einem Zeckenstich bemerkt, sollte zum Arzt gehen.» Denn früh erkannt sei Borreliose leicht zu behandeln. «Betroffene bekommen ein Antibiotikum, und damit ist die Sache in der Regel schnell ausgestanden.» Schwieriger wird es, wenn eine Infektion zunächst unentdeckt bleibt.

Dauerhafte Infektion ist schwierig zu diagnostizieren

«Betroffene vermuten dann häufig selbst, an Borreliose zu leiden und gehen mit Symptomen wie Müdigkeit, Nachtschweiß, Muskel- und Gelenkschmerzen zum Arzt», sagt Tomas Jelinek, Medizinischer Direktor des Berliner Centrums für Reise- und Tropenmedizin. Allein daraus lasse sich aber keine Borreliose ableiten. «Ein langfristiger Verlauf ist schwer eindeutig zu diagnostizieren.»
Die Diagnose läuft dann nach dem Ausschlussprinzip: Der Arzt muss den Patienten sorgfältig nach seinen Symptomen befragen und andere Erkrankungen ausschließen. «Es ist, als würde man ein Mosaik legen», sagt Jelinek. Um der Diagnose näher zu kommen, sei auch ein Bluttest denkbar. Doch auch der könne keine Sicherheit bringen. «Ein Bluttest kann lediglich einen klinischen Verdacht des Arztes untermauern», erklärt Armin Schwarzbach, Laborfacharzt mit Spezialisierung auf Infektiologie in Augsburg. Bluttests könnten zwar Antikörper nachweisen. «Diese sagen aber erst einmal nur aus, dass irgendwann einmal eine Borrelieninfektion im Körper abgelaufen ist», erklärt Schwarzbach. «Ein positiver Test belegt nicht, dass aktuelle Beschwerden mit einer Borreliose zu tun haben.»

Einfacher ist es bei der Neuroborreliose - einer Unterform der Lyme-Borreliose, die bei 3 bis 15 Prozent der Infizierten auftritt. «Sie entsteht, wenn das Nervensystem von der Infektion betroffen ist», erklärt Prof. Sebastian Rauer, Neurologe und Leitender Oberarzt der Neurologischen Universitätsklinik Freiburg. Symptome einer frühen Neuroborreliose treten wenige Tage bis Wochen nach dem Zeckenstich auf. Häufig seien das Gesichtslähmungen und Lähmungen der Augenbeweglichkeit. Auch Arm- und Beinmuskeln könnten betroffen sein - je nachdem, welche Nervenwurzeln mit Borrelien infiziert seien.
Besonders qualvoll ist laut Sebastian Rauer ein Befall der Nervenwurzeln im Bereich des Rückenmarks. «Die Patienten haben vor allem nachts höllische Schmerzen.» Charakteristisch für die Neuroborreliose sei außerdem, dass herkömmliche Schmerzmedikamente keine Wirkung zeigten. Bei solchen Beschwerden bringt eine Untersuchung des Nervenwassers hundertprozentige Klarheit. «Ist das Ergebnis eindeutig, kann man auch die Neuroborreliose gut mit Antibiotika behandeln», erklärt Rauer.

Doch auch bei der Neuroborreliose gibt es - wenn auch selten - langfristige Verläufe. «Es können sich über viele Wochen und Monate Rückenmarks- und Gehirnentzündungen entwickeln», sagt Sebastian Rauer. Diese späte Form der Neuroborreliose führe zu spastischen Lähmungen, zunächst der Beine und später auch der Arme, zu Störungen der Harnblasenfunktion, Ausfällen des Gehirns, Sprachstörungen oder Halbseitenlähmungen.

Sebastian Rauer: «Die späte Form ist schwieriger zu diagnostizieren, weil die Symptome nicht so eindeutig sind wie bei der frühen Form der Neuroborreliose.» Bestehe der Verdacht, liefere aber auch hier eine Nervenwasseruntersuchung Sicherheit. «Wird hier keine Abwehrreaktion gegen den Erreger festgestellt, hat der Patient auch keine späte Form der Neuroborreliose», sagt Rauer. Doch daran scheiden sich die Geister: Viele Selbsthilfegruppen und Ärzte sehen das nämlich ganz anders. Sie sind überzeugt, dass auch diffuse Symptome wie Antriebslosigkeit, Wetterfühligkeit oder Ermüdung zum Beschwerdebild der späten Borreliose gehören - und dass diese sich auch nicht immer durch eine einmalige Antibiotika-Gabe behandeln lässt. «Viele Menschen nehmen dann monatelang Antibiotika, wovon klar abzuraten ist», sagt Rauer. Therapiestudien belegten, dass eine Antibiotika-Behandlung von zwei bis drei Wochen ausreichend ist.

Dennoch müsse man Patienten mit einem unspezifischen Beschwerdebild ernst nehmen. «Man darf ihnen nicht voreilig den Psychostempel aufdrücken», sagt Rauer. «Hier ist eine akribische Diagnostik notwendig, die den tatsächlichen Ursachen für die Beschwerden auf den Grund geht.»

Quelle: dpa