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22.09.2016

Neurologie: Therapien für Millionen Menschen

Die Bevölkerung in Deutschland wird immer älter – die Neurologie stellt sich darauf ein: Junge Ärzte entscheiden sich häufiger für das Fach Neurologie, Neurowissenschaftler entwickeln neue Therapien für Erkrankungen von Gehirn und Nerven.

Kaum ein anderes Fach in der Medizin entwickelt sich zurzeit so schnell wie die Neurologie. „Die Fachgruppe verzeichnete im Jahr 2015 im Vergleich mit anderen klinischen Fächern in der Medizin erneut ein weit überdurchschnittliches Wachstum von 6 Prozent“, sagte Prof. Ralf Gold, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), heute zum Auftakt des 89. DGN-Kongresses in Mannheim.

Die Anzahl von Fachärztinnen und Fachärzten für Neurologie wachse jetzt jährlich um rund 500, so stark wie noch nie. Durch diese Zunahme hat die Neurologie in den vergangenen Jahren HNO-Heilkunde, Dermatologie und Urologie überholt. Zum Jahresende werden in Deutschland fast 7000 Neurologen (2015: 6451) in Kliniken und Praxen schätzungsweise rund 2 Millionen Patienten versorgen. Zu den häufigsten und typischen Krankheitsbildern zählen Schlaganfälle, Epilepsien, Multiple Sklerose, Parkinson-Krankheit, Alzheimer und andere Demenzen, ebenso wie Kopfschmerzen und Migräne, Schwindel- und Schmerzsyndrome, Schlafstörungen oder Hirntumoren.

Jeder 20. Patient in Kliniken wird heute in neurologischen Abteilungen mit insgesamt mehr als 24.000 Betten betreut. In Praxen arbeiten mehr als 1700 Fachärzte für Neurologie. Der Aufwärtstrend ist ungebrochen: Beinahe jede Woche wird in Deutschland eine neue neurologische Abteilung aufgemacht, eine Spezialambulanz gegründet, ein Medizinisches Versorgungszentrum mit Neurologie aufgebaut oder die Bettenzahl einer bestehenden Abteilung erweitert.

Die Gründe für das Wachstum: Die Neurologie hat sich in den vergangenen 25 Jahren von einer diagnostischen Disziplin zu einer tragenden Säule der therapierenden Patientenversorgung entwickelt. Für viele chronische neurologische Erkrankungen, etwa Multiple Sklerose oder Parkinson, die Ärzte lange Zeit nur diagnostizieren und dokumentieren konnten, gibt es inzwischen wirksame Therapien, die den Krankheitsverlauf bremsen, Leiden verhindern und Lebensqualität erhalten.
Die therapeutischen Fortschritte sind in rund 100 medizinischen Leitlinien dokumentiert, die laufend aktualisiert werden und offen zugänglich auf der Website der DGN publiziert sind (www.dgn.org/leitlinien).

Fortschritte beim Schlaganfall: Zugang zur Thrombektomie für bis zu 13.000 Patienten

Ein Beispiel für eine Erfolgsgeschichte ist der Schlaganfall, den jährlich rund 270.000 Patienten zum ersten oder wiederholten Mal erleiden. Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland und der häufigste Grund für eine schwere Behinderung im Erwachsenenalter. Aufgrund der steigenden Zahl älterer Menschen in der Bevölkerung, des demografischen Wandels, ist eine weitere Zunahme von Hirninfarkten vorprogrammiert. Mit der Thrombektomie (endovaskuläre Therapie), die im vergangenen Jahr als Revolution in der akuten Schlaganfalltherapie gefeiert wurde, können Neurologen gemeinsam mit Neuroradiologen nun jährlich bis zu 13.000 weitere Patienten in Deutschland mit schweren Schlaganfällen erfolgreich behandeln und vor gravierenden Behinderungen oder gar dem Tod bewahren. Bei der Thrombektomie wird ein Blutgerinnsel, das eine blutversorgende Hirnarterie verstopft, mechanisch mit einem Katheter und einer kleinen Greifzange entfernt. Mit schnellen Fortbildungsmaßnahmen und dem zügigen Ausbau der Thrombektomie im bereits gut funktionierenden Netz der Stroke Units konnte innerhalb eines Jahres eine ausgeprägte Infrastruktur für diese anspruchsvolle Methode geschaffen und die neue Therapieform erfolgreich in Deutschland implementiert werden. Auch bei der Vorbeugung gibt es Neues: Die INTERSTROKE- Studie konnte klarstellen, dass 90 Prozent der Schlaganfälle auf vermeidbare Faktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und andere zurückzuführen sind.

Multiple Sklerose – zahlreiche Teilerfolge, große Fortschritte für viele Patienten
Die Multiple Sklerose (MS) mit geschätzten 200.000 Patienten in Deutschland ist eine Autoimmunerkrankung in sehr verschiedenen Ausprägungen, etwa der schubförmigen Form und der schleichenden, so genannten progredienten MS.

Bei der schubförmigen MS können Ärzte derzeit praktisch jedes Jahr ein neues Medikament einsetzen, seit Kurzem einen neuen Antikörper-Wirkstoff (Daclizumab), der in Studien die Schubrate gegenüber einem Standardmedikament halbierte. „Mit diesen neuen Arzneimitteln können wir heute unsere Patienten mit einem größeren Arsenal von Therapieoptionen behandeln. In der Summe haben diese vielen Teilerfolge dazu geführt, dass Multiple-Sklerose-Patienten eine höhere Lebenserwartung mit einer höheren Lebensqualität besitzen“, so Prof. Gold, selber MS-Experte und Direktor der Neurologischen Klinik an der Ruhr-Universität Bochum. „Noch vor zehn Jahren hätten wir diesen rasanten Fortschritt nicht erwartet.“ Eine große Studie aus Kanada konnte außerdem im Sommer zeigen, dass die Behandlung mit Stammzellen bei MS-Patienten wirksam ist. Prof. Gold bremst jedoch allzu hohe Erwartungen: „Bei der Stammzelltherapie sind wir aber besonders in Deutschland noch weit von einer Anwendung entfernt. Es müssen noch zahlreiche Fragen geklärt werden.“
Zumindest einen Hoffnungsschimmer bietet die Forschung für MS-Patienten mit der schleichenden MS, die besonders schwierig zu therapieren ist. Jüngst stellten sich zwei Wirkstoffe bei bestimmten Varianten der progredienten MS als hilfreich heraus und könnten bald zum Einsatz kommen.

Weitere Herausforderungen: Altersmedizin und Palliativmedizin

Obwohl neurologische Patienten aus allen Altersgruppen stammen, sind doch viele Erkrankungen wie Demenzen, die Parkinson-Krankheit, der Schlaganfall oder Schwindelsyndrome typische Alterskrankheiten. In der Altersmedizin (Geriatrie) sind rund zwei Drittel der Diagnosen neurologisch- psychiatrisch.
Durch die wachsende Zahl alter Patienten nimmt auch im interdisziplinären Fach der Altersmedizin der Einfluss der Neurologie immer mehr zu. Vor Kurzem wurde in Essen der erste Lehrstuhl für Geriatrie mit einem Neurologen besetzt. Immer häufiger werden geriatrische Kliniken von Neurologen bzw. einem interdisziplinären Team mit Neurologen geführt.

Auch Patienten in ihren letzten Lebensmonaten benötigen neurologische Betreuung. Eine aktuelle Erhebung hat ergeben, dass etwa 10 Prozent aller schwer neurologisch erkrankten Patienten (z.B. mit Parkinson-Krankheit, mit Amyotropher Lateralsklerose oder Multipler Sklerose) eine palliativmedizinische Versorgung bzw. eine Hospizbetreuung benötigen. Von neurologischer Seite ist dieser Bedarf noch lange nicht gedeckt. Die DGN und die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin arbeiten an Konzepten, die dazu dienen sollen, diese Situation besser zu erforschen und die Patienten besser zu versorgen.

Mehr Wissen, mehr Möglichkeiten, mehr Personal

Das starke Wachstum der Neurologie macht aus ihr ein junges Fach: 42 Prozent der Fachärzte für Neurologie sind erst zwischen 40 und 49 Jahre alt, 23 Prozent sind jünger, 35Prozent älter. Die praktizierenden Fachärztinnen und -ärzte haben noch viele Arbeitsjahre vor sich, was der Versorgung der Patienten zugutekommt.

„Angesichts der vielen neuen Aufgaben, die sich der Neurologie stellen, müssen und möchten wir aber noch deutlich weiter wachsen“, so Prof. Gold. „Nur so können wir den demografischen Wandel bewältigen und möglichst vielen Patienten mit neurologischen Problemen die fachärztliche Behandlung bieten, die ihnen zusteht.“ Zum Glück würden immer mehr Studierende der Humanmedizin und junge Ärzte die Neurologie als attraktives Fach entdecken.

Quellen:
- Bundesärztekammer, Ärztestatistik 2015 (2016), www.baek.de
- „Gesundheit in Deutschland“ – Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Robert Koch-Institut und Destatis (November 2015)


Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie