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23.01.2017

Neue Therapie bei seltener Form der Hirnentzündung

Bei der NMDA-Rezeptor-Enzephalitis handelt es sich um eine seltene Autoimmunerkrankung, bei welcher das Immunsystem körpereigene Strukturen, die so genannten NMDA-Rezeptoren, angreift. Charité-Wissenschaftler konnten diese Erkrankung nun erfolgreich behandeln.

Die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ist eine häufig lebensbedrohliche Entzündung des zentralen Nervensystems. Bei dieser seltenen Autoimmunerkrankung bildet der Körper Abwehrstoffe gegen ein Protein, das bei der Signalübertragung im Gehirn eine wichtige Rolle spielt: den sogenannten NMDA-Rezeptor. Mit Hilfe eines neuen Therapieansatzes haben Wissenschaftler der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) jetzt entscheidende Fortschritte in der Behandlung dieser Krankheit erzielen können - selbst bei Krankheitsverläufen, bei denen bislang keine Therapie wirksam war. Die Ergebnisse der Studie sind jetzt in der Fachzeitschrift Neurology* veröffentlicht.
Bei der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis handelt es sich um eine schwere autoimmunbedingte Hirnentzündung, die psychiatrische und neurologische Symptome verursachen kann. Sie führt bei den Betroffenen unter anderem zu Psychosen, epileptischen Anfällen und Bewegungsstörungen. Patienten mit schweren Krankheitsverläufen reagieren häufig gar nicht oder nur unzureichend auf die aktuell eingesetzten Standardtherapien. Ursache dieser Therapieresistenz sind möglicherweise bestimmte Anti-NMDAR-Antikörper produzierende Plasmazellen, die mit den aktuell eingesetzten Immuntherapien nicht vollständig erreicht werden können.

Wirkstoff setzt bei Zellstoffwechsel von problematischen Immunzellen an

In ihrer Studie verfolgten die Charité-Wissenschaftler um Dr. Franziska Scheibe und Prof. Dr. Andreas Meisel von der Klinik für Neurologie und dem Exzellenzcluster Neurocure einen neuen Therapieansatz. Zusätzlich zur Standardtherapie setzen sie einen Wirkstoff ein, der in der Behandlung einer bestimmten Form von Blutkrebs, dem Plasmozytom, bereits erfolgreich angewendet worden war: den Proteasominhibitor Bortezomib. Proteasome spielen eine wichtige Rolle beim Abbau von Proteinen, die den Zellzyklus und somit das Zellwachstum regulieren. Antikörper-produzierende Plasmazellen sind aufgrund ihrer hohen Proteinsyntheseraten besonders stoffwechselaktiv. Sie reagieren deshalb ebenso empfindlich wie Tumorzellen auf den Wirkstoff und sterben ab.

In der Studie mit fünf Patienten konnten die Wissenschaftler erstmalig zeigen, dass Bortezomib zu einer raschen klinischen Besserung bei schweren Verläufen der Enzephalitis führte. Damit verbunden war zudem ein Rückgang der krankheitsverursachenden Antikörper. „Durch die Eliminierung der Plasmazellen kann Bortezomib die Krankheit ursächlich behandeln und stellt damit eine wertvolle neue Therapieoption für die bisher therapieresistenten Verläufe der Anti-NMDAR-Enzephalitis dar“, kommentiert die Erstautorin der Studie Franziska Scheibe die Ergebnisse.

Vorhersage des Erkrankungsverlaufs Teil weiterer Forschung

In künftigen Studien wird es vor allem darum gehen, Biomarker zu entwickeln, die frühzeitig schwere Formen dieser Erkrankung vorhersagen können, um eine rasche spezifische Behandlung einleiten zu können. „Wie auch für die anderen bei dieser Erkrankung derzeit eingesetzten Therapien steht noch die Bestätigung unserer Ergebnisse in einer randomisierten Studie aus“, ergänzt Prof. Andreas Meisel.

Originalpublikation: Franziska Scheibe, Harald Prüss, Annerose M. Mengel, Siegfried Kohler, Astrid Nümann, Martin Köhnlein, Klemens Ruprecht, Tobias Alexander, Falk Hiepe, Andreas Meisel. Bortezomib for treatment of therapy-refractory anti-NMDA-receptor encephalitis. Neurology 2016. doi: 10.1212/WNL.0000000000003536.

Quelle: Charité – Universitätsmedizin Berlin