Neurologen und Psychiater im Netz

Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von den Berufsverbänden für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland.

Was die Gangdynamik bei Parkinson verbessern kann

© contrastwerkstatt_Fotolia.com

© contrastwerkstatt_Fotolia.com

Sieben verschiedene Kompensationsstrategien stehen zur Verfügung, mit denen Parkinson-Patienten Gehbehinderungen im Alltag lindern können. Obwohl sie von großem Nutzen sind, kennen sie nur wenige, berichten Experten des BDN.

Verlangsamte Bewegungsabläufe (Akinese) und Störungen der Haltungsstabilität (Posturale Instabilität) sind neben Muskelversteifung (Rigor) und Zittern (Tremor) ein Hauptkennzeichen des Parkinson-Syndroms. Motorische Probleme wie Gleichgewichtsverlust, Stürze, eine schlurfende oder taumelnde Gangart bis hin zu Bewegungsblockaden (freezing) machen es den Betroffenen schwer, ihre gewohnten alltäglichen Aktivitäten auszuführen, und beeinträchtigen die Lebensqualität. Zur Verbesserung der Gangdynamik haben sich Kraft- und Gleichgewichtsübungen sowie Wassertherapie als besonders effektiv erwiesen. Das berichten dänische und britische Forschende, die gemeinsam eine ganze Liste von therapeutischen Behandlungsmethoden und deren Wirksamkeit untersucht haben (siehe Journal of Neurology, online seit 5.4.2022). Gegen das Einfrieren beim Gehen (engl.: freezing of the gait) war aber offenbar keine der überprüften Interventionen sonderlich wirksam, so dass hierfür auch keine Empfehlung ausgesprochen werden konnte.

7 Gehstrategien, um Gehbehinderungen zu lindern

Andererseits stehen sieben verschiedene Kompensationsstrategien zur Verfügung, mit denen Parkinson-Patienten auftretende Gehbehinderungen möglicherweise lindern können. Alle sieben Möglichkeiten kennen jedoch die wenigsten Betroffenen: Noch nie von einer dieser Strategien gehört hatten 17 Prozent und fast jeder vierte hatte bisher nur eine einzige Strategie schon einmal ausprobiert, wie eine Umfrage niederländischer Forschender bei 4324 Parkinson-Patienten ergeben hat. Nur vier Prozent der Befragten waren alle sieben Gehstrategien vollständig bekannt, die im Folgenden aufgeführt sind:

1.    Äußere Anhaltspunkte suchen (z.B. im Rhythmus eines Metronoms gehen)
2.    Innere Anhaltspunkte suchen (z.B. beim Gehen im Kopf zählen)
3.    Gleichgewicht verlagern (z.B. breitere Kurven gehen)
4.    Sich mental konzentrieren (z.B. mittels Entspannungstechniken)
5.    Sich ein motorisches Vorbild suchen (z.B. einen anderen Menschen beim Gehen beobachten)
6.    Neue Fortbewegungsformen ausprobieren (z.B. Rückwärtsgehen, Springen)
7.    Die Fortbewegungsform der Beine variieren (z.B. Krabbeln, Radfahren)

Verschiedene Strategien zu kennen, ist von Vorteil

Die Mehrheit der Befragten, die schon eine der sieben Kompensationsstrategien ausprobiert hatten, konnte dieser auch einen deutlichen Nutzen zuschreiben – zum Beispiel fanden 76 Prozent eine Verlagerung ihres Gewichts beim Gehen hilfreich und 74 Prozent profitierten von Entspannungstechniken. „Wie gut die einzelnen Gehstrategien wirken, ist individuell und auch von der Tagesform und dem jeweiligen Kontext abhängig, in dem sie angewendet werden“, erläutert Dr. Curt Beil vom Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN) mit Sitz in Krefeld. „Es macht sicherlich einen Unterscheid, ob man entspannt oder unter Zeitdruck ist, eine Strategie zum Starten oder Beenden des Gehvorgangs benötigt, oder diese drinnen in gewohnter Umgebung bzw. draußen und mit mehr Ablenkung einsetzen will. Gerade deshalb ist es von Vorteil, mehrere Strategien zu kennen, um sie je nach Situation anwenden zu können und somit unter unterschiedlichen Bedingungen möglichst gut zurechtzukommen. Grundsätzlich spielen integrierte Behandlungskonzepte, zu denen unbedingt auch körperliches Training sowie aktivierende Trainingsinterventionen wie Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie gehören, eine wichtige Rolle, um positive neuroplastische und neuroprotektive Effekte bei Parkinson-Patienten zu bewirken – und das am besten so früh wie möglich im Krankheitsverlauf“, betont Dr. Beil.

Quellen:
Journal of Neurology, online seit 5.4.2022  
Neurology, online seit 5.10.2021
Appell von Professor Andrés Ceballos-Baumann zum Welt-Parkinson-Tag im Deutschen Ärzteblatt, online seit 11.4.22

(äin-red) Der Abdruck dieser Pressemeldung oder von Teilen des Artikels ist unter folgender Quellenangabe möglich: www.neurologen-im-netz.org. Bei Veröffentlichung in Online-Medien muss die Quellenangabe auf diese Startseite oder auf eine Unterseite des Patientenportals verlinken. Fotos und Abbildungen dürfen grundsätzlich nicht übernommen werden.