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Brennglaseffekte von Corona auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

Am „Runden Tisch“ der Landesärztekammer Hessen am 4. Oktober in Frankfurt ging es um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Kinder und Jugendliche - nicht nur die körperlichen Folgen zum Beispiel durch Bewegungsmangel, sondern vor allem um die seelischen Folgen. Dass es mehr psychische Auffälligkeiten und Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen während der Pandemie gab, war in den vergangenen Monaten Thema gleich mehrerer Studien. Am „Runden Tisch“ kamen jetzt immer wieder die sogenannten „Brennglaseffekte von Corona“ zur Sprache.

„Wir stellen häufig fest, dass Symptome stärker ausgeprägt sind als vor Corona“, berichtet die Kinder- und Jugendpsychiaterin Martina Pitzer, Direktorin einer Fachklinik in Eltville. So habe es eine deutliche Zunahme von Essstörungen gegeben mit untergewichtigen jungen Patienten, die in die Klinik gekommen seien. Auch sehe sie eine Zunahme vor allem bei Patientinnen mit ausgeprägter Depression bis hin zu Gedanken an einen Suizid oder Versuchen, sich das Leben zu nehmen.

Das Risiko von Kindern und Jugendlichen, während der Corona-Pandemie psychisch zu erkranken, hängt nach Ansicht der Experten auch stark mit der jeweiligen Lebenssituation zusammen. Wer in beengten Verhältnissen ohne Balkon oder Garten lebe, habe weniger Möglichkeiten, etwa durch Bewegung ein positives Erlebnis zu haben als Kinder, die buchstäblich Raum zur Entfaltung haben, hieß es.

Eltern sollten darauf achten, ob ihre Kinder Anzeichen eines sozialen Rückzugs zeigten, empfahl der Kinder- und Jugendarzt Karlheinz Dieter Moebus. Er habe einen deutlichen Anstieg von Kindern mit psychosomatischen Beschwerden festgestellt, von Kindern, die unter Schmerzen leiden, für die keine organische Ursache erkennbar sei.

Manche Kinder und Jugendliche seien niedergeschlagen, andere zeigten ein unangepasstes Sozialverhalten. Wenn Kinder morgens gar nicht mehr aus dem Bett kämen oder nur noch online Freundschaften schließen, könne dies ein Warnsignal sein, so Moebus. Noch ungewiss seien die Auswirkungen auf ganz junge Kinder, die in die Pandemie hineingeboren wurden und außerhalb der Familie kaum einen Erwachsenen ohne Mund-Nase-Maske zu Gesicht bekommen hätten.

Hilfsangebote dürften nicht kurzfristig angelegt sein und müssten deutlich über die Zeit der Pandemie hinausgehen, waren sich die Experten am „Runden Tisch“ einig. Doch genau hier zeige sich ein schon lange bestehendes Problem. „Es fehlen Stellen, und es fehlen Fachkräfte“, betont Moebus. „Unsere Schulen müssten besser ausgestattet sein, es braucht mehr Personal, um Auffälligkeiten festzustellen“, bekräftigt Schröder.

Quelle: Landesärztekammer Hessen und dpa vom 5.10.2021