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Selbstwert während der Adoleszenz: Gesund, labil oder überhöht

Das Selbstwertgefühl des Menschen ergibt sich aus der Erfahrung von Kompetenz und Akzeptanz. Fähigkeiten, Fertigkeiten und Attribute können nur dann zum Selbstwert einen Beitrag leisten, wenn sie durch eine soziale Akzeptanz Bestätigung finden, also in einer sozialen Interaktion eingesetzt werden können. Kompetenz und Akzeptanz stehen in einem dynamischen Verhältnis. Durch die zunehmende Kritikfähigkeit und Selbstreflexionstendenz des Jugendlichen wird die Selbstwertstabilisierung kritisch. Wenn Kompetenz und Akzeptanz den eigenen Idealvorstellungen von der Person nicht Rechnung tragen, kann dies zur Selbstwertkrise führen. Die Akzeptanz durch die Gleichaltrigen-Gruppe ist dabei von besonderer Wichtigkeit. Alle Faktoren, die die soziale Integration beeinträchtigen, werden im Jugendalter mit besonders hohem Leidensdruck wahrgenommen. Soziale Diskriminierung kann schlimme Auswirkungen haben: Die Akzeptanz in der eigenen Familie kann dann oftmals einen Mangel an Anerkennung in der Gruppe der Gleichaltrigen nicht mehr kompensieren. Jugendliche die gleichermaßen zu Hause wie im Freundeskreis keine Akzeptanz finden, zeigen einen besonders labilen Selbstwert.

Narzisstische Selbstüberschätzungen sind in der Adoleszenz nicht selten anzutreffen. Sie sind durch ein fragiles Selbsterleben, hohe Ambitionen, verstärkte Kränkbarkeit, vermehrtes Wuterleben sowie durch Beziehungsstile der Abwertung und Idealisierung gekennzeichnet. Auch wenn ein in Maßen gesteigerter Narzissmus mit vermehrter Selbstbetrachtung und leichter Selbstüberschätzung im Jugendalter eine sinnvolle Anpassungsleistung sein kann, darf der Entwurf nicht unrealistisch hoch gespannt sein, weil sonst die Jugendlichen mit ihren Ansprüchen an sich und die anderen scheitern.

Dem gegenüber ist es als positiv zu betrachten, wenn der Selbstentwurf der Jugendlichen so ausgelegt ist, dass er über ihre momentan begrenzte Wirklichkeit hinausweist, damit der Jugendliche an den eigenen Ambitionen wachsen kann. Ein vollständiger Verzicht auf narzisstisch überhöhte Selbstentwürfe hätte den Verlust des “Prinzips Hoffnung“ zur Folge und könnte über negative Selbstannahmen in Depressivität und Selbstverachtung münden. Ein vermehrtes Bedürfnis nach Selbstbespiegelung und sozialem Echo ist beim Jugendlichen durchaus als normal anzusehen, solange dieser befriedigende Interaktionen in der Gruppe der Gleichaltrigen zulassen kann und solange Wechselseitigkeit, Erfolgserlebnisse und soziale Akzeptanz das Gruppengeschehen begleiten.

Konflikthafte Interaktionen mit Eltern und Erwachsenen besitzen ebenfalls nur dann den Charakter einer Störung, wenn dadurch Ausbildungsziele gefährdet oder die Stabilität des familiären Rahmens zu wanken droht. Selbstbehauptung und Selbstwert sind eng miteinander verbunden. Die Selbstbehauptung in Familie und gegenüber Gleichaltrigen, Schule und Lehre, Freizeit und Alltag kann zu gravierenden Rivalitätskrisen mit Geschwistern, Kollegen oder Freunden Anlass geben. Auseinandersetzungen mit erwachsenen Bezugspersonen werden demgegenüber als Autoritätskrisen bezeichnet.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ulm (DGKJP)