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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Trennung bzw. Scheidung als Risikofaktor für die psychische Gesundheit

Die Familie ist für Kinder und Jugendliche ein wesentlicher Ort für gefühlsbetonte, emotionale Beziehungen, hier sollten sie Liebe, Rückhalt und Sicherheit finden. Daher sind für sie Konflikte der Eltern und deren Trennung in jedem Fall eine entscheidende Erfahrung und stellen sie vor schwierige Aufgaben. Ein Scheidungsprozess stellt für Erwachsene wie Kinder und Jugendliche eine Krise dar. Diese kann unter den Vorzeichen von Befreiung und Chance aber auch als konfliktbehafteter, belastender und potenziell traumatischer Prozess erlebt werden. Während Eltern sich durch die Scheidung überwältigt fühlen oder erleichtert sind, reagieren Kinder und Jugendliche, die ihre Sicherheit bedroht sehen, oft ängstlich und verstört. Einige Eltern sind durch die Scheidung so getroffen oder überwältigt, dass sie sich dem Kind zuwenden, um von ihm Trost und Unterstützung zu bekommen. Die einer Trennung vorausgehenden Konflikte sowie die Trennung und Scheidung selbst müssen von allen Familienmitgliedern bewältigt werden. Auch die Gestaltung der Nachscheidungsphase ist oft mit erheblichen Spannungen verbunden.

Je nachdem, wie die Kinder und Jugendlichen die Beziehung ihrer Eltern vor der endgültigen Trennung erlebt haben, kann eine Scheidung für sie eine Verminderung ihrer Probleme und eine Chance zur Stabilisierung der familiären Situation bedeuten. Sie werden in den einzelnen Trennungsphasen jedoch auch zahlreichen Belastungsfaktoren ausgesetzt, woraus äußere und innere Konfliktsituationen mit überwiegend negativen Folgen für ihre seelische Entwicklung erwachsen können. Eltern sollten nicht darauf hoffen, dass ihre Kinder eine Trennung ohne Reaktionen hinnehmen. Normale und unvermeidliche Reaktionen von Scheidungskindern sind Trauer, Wut, Beschämung gegenüber Dritten und auch Schuldgefühle. Meist kommen Ängste hinzu, den ausgezogenen Elternteil zu verlieren und eines Tages vielleicht auch noch den anderen Elternteil. In diesem Fall sollte man die Kinder und Jugendlichen dabei unterstützen, ihre Gefühle zu zeigen und diese am besten auch in Worte zu fassen. Kinder und Jugendliche, die keine offensichtlichen Reaktionen zeigen, haben oftmals die gleichen Gefühlsprobleme wie Kinder und Jugendliche, die merklich reagieren. Sie sollen dann behutsam dazu ermutigt werden, ihre Gefühle auszudrücken.

Die Scheidungsrate in unserer Gesellschaft ist hoch. In Deutschland wird jede zweite Ehe wieder geschieden, in manchen Gebieten liegen die Zahlen sogar noch darüber. In Deutschland waren etwa 148.000 minderjährige Kinder 2011 von Scheidungen betroffen. Diese Zahlen sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Wiesbaden in den letzten Jahren relativ konstant. Die Entscheidung für oder gegen eine Trennung sollte grundsätzlich unabhängig von den Kindern getroffen werden. Eine konfliktreiche Beziehung ohne liebevollen Umgang miteinander hat auf die langfristige psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zumeist schädlichere Auswirkungen als eine geglückte Trennung. Auch macht es keinen Sinn, mit der Trennung zu warten, in der Hoffnung, dem Kind würde es in einem höheren Alter weniger ausmachen - ein günstiges Scheidungsalter gibt es nicht.

Es gibt keine typische oder spezifische Symptomatik bei Kindern und Jugendlichen, die ausgelöst wird durch die Trennung und Scheidung ihrer Eltern. Die gesamte Palette von Symptomen und Reaktionen, die psychische Störungen ausmachen, ist möglich. Der zeitliche Abstand, von dem an eine Auffälligkeit als störend erlebt wird, zur Trennung der Eltern unterliegt keiner erkennbaren Regel. Kinder und Jugendliche werden auch bereits im Vorfeld von Trennung und Scheidung zum Symptomträger und signalisieren die Krise, in der sich die Familie befindet.

Eltern sollten auf Anzeichen von anhaltendem Stress bei ihren Kindern achten. Dazu zählen z.B. nachlassende Motivation, zur Schule zu gehen, neue Freunde zu finden oder die Fähigkeit, sich einfach vergnügen zu können. Andere Warnzeichen können schlechter oder vermehrter Schlaf oder ein ungewohnt widerspenstiges, streitlustiges Verhalten innerhalb der Familie sein. Wenn ein Kind Anzeichen von Stress zeigt, kann der Hausarzt oder Kinderarzt das Kind bzw. den Jugendlichen zu einem Kinder- und Jugendpsychiater überweisen, der die stressverursachten Symptome diagnostiziert und behandelt. Er kann auch der ganzen Familie helfen, mit den Belastungen durch die Scheidung besser umzugehen.

Fachliche Unterstützung: DGKJP