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04.11.2014

Bei Trennung Kinder nicht in Loyalitätskonflikte bringen

Loyalitätskonflikte mit den Eltern stellen für Kinder den häufigsten Stressfaktor im Zusammenhang mit der Trennung ihrer Eltern dar. Im Loyalitätskonflikt steht ein Kind zwischen den elterlichen Fronten, denn Loyalität zu einem Elternteil bringt Disloyalität zum anderen Elternteil mit sich. Dieses Dilemma gefährdet die Eltern-Kind-Beziehung und gilt als maßgebend für die kurz- und mittelfristige Anpassung des Kindes nach der Scheidung.

„Loyalitätskonflikte entstehen bei Kindern, wenn das eigene Liebes-Gefühl beziehungsweise die Verbindung zu einem Elternteil vom anderen Elternteil nicht getragen und akzeptiert wird. Wenn Kindern die Freiheit fehlt, auch den abgelehnten Elternteil lieben zu dürfen, geraten sie in ein Dilemma, unter dem sie in jedem Fall leiden“, berichtet Dr. phil. Liselotte Staub im Namen der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (SGKJPP) mit Sitz in Bern. „Bilden sie eine Allianz zu nur einem Elternteil und entfremden sich vom anderen, geht unter Umständen eine wichtige Bezugsperson der Kindheit völlig verloren. Dies kann unter anderem Einschränkungen in der Bindungs-, Beziehungs- und Leistungsfähigkeit des Kindes zur Folge haben. In Fällen, wo das Kind nicht bereit ist, die Beziehung zu einem Elternteil zu opfern, bleibt es im Loyalitätskonflikt gefangen. Dadurch bleibt die Beziehung zu beiden Elternteilen zwar erhalten, doch wirkt sich die Unerträglichkeit der Situation auf andere Bereiche des psychischen Systems aus. Diese Kinder können beispielsweise verhaltensauffällig oder aggressiv werden, depressive Versstimmungen entwickeln sowie Schlafstörungen und Konzentrationsschwächen.“ Eltern sollten im Trennungsfall daher unbedingt darauf achten, ob sie Ihre Kinder womöglich einem Loyalitätskonflikt aussetzen und dem gegensteuern.

Der Loyalitätskonflikt ist umso größer, je weniger ambivalenzfähig Kinder sind

Unter der Ambivalenzfähigkeit wird das Vermögen eines Menschen bezeichnet, einer Sache oder einer Person  gegenüber gleichzeitig positive und negative Gefühle zulassen zu können. Die Ambivalenzfähigkeit hängt in hohem Mass mit der geistigen Entwicklung und Reife eines Kindes ab. „Bis zum sechsten Lebensjahr sind Kinder kaum fähig, die Perspektive des Gegenübers wahrzunehmen, geschweige denn, die Beziehungen zwischen mehreren Dimensionen zu berücksichtigen. Jüngeren Kindern kann es daher kaum gelingen, gleichzeitig Mutter und Vater die Treue zu halten. Sie reagieren in einer Situation, in der Mutter oder Vater Seitenhiebe gegen den anderen richten, schnell überfordert“, warnt die Psychologin und Psychotherapeutin FSP. „Die Kinder versuchen dann oft unbewusst, den Gefühlsverwirrungen auszuweichen und reagieren mit dem so genannten Besuchsrechtssyndrom. Dabei klagen sie beispielsweise über Befindlichkeitsstörungen, Bauch- oder Kopfschmerzen wenn der Wechsel von einem Elternteil zum anderen ansteht. Die Eltern interpretieren dieses Verhalten oft falsch und führen es drauf zurück, dass es dem Kind beim jeweils anderen Elternteil nicht gut geht. Das dahinter ein trennungsbedingter Loyalitätskonflikt besteht, wird oftmals übersehen.“ Gerade in Bezug auf die Eltern sind Kinder oft lange Zeit nicht ambivalenzfähig, da sie Vater und Mutter bislang als Einheit erlebt haben, mit gegenseitiger Unterstützung und gleichen Anforderungen an das Kind.

Um sich aus einem Loyalitätskonflikt befreien zu können, ist das Kind auf die Hilfe beider Eltern angewiesen

Die Hauptsache bei einer Trennung oder Scheidung der Eltern ist, dass die Kinder ihre Bezugspersonen behalten und ihre innere Verbunden mit beiden Elternteilen ausleben dürfen. „Dazu sollten die Eltern ihrem Kind ausdrücklich erlauben, den anderen Elternteil zu lieben und ihm seine Liebe auch offen zeigen zu können. Gleichzeitig sollten sie dem Nachwuchs vermitteln, dass es völlig in Ordnung ist, wenn das Kind dem anderen Elternteil gegenüber anders empfindet, als die Mutter oder der Vater selbst“, erklärt die Expertin. Gut ist ebenso, wenn die Eltern ähnliche Wertvorstellungen haben und die gleichen Anforderungen an das Kind stellen. Unterstützen sie sich gegenseitig, fällt es dem Kind nicht schwer, gegenüber beiden Eltern loyal zu sein und sich «linientreu» zu verhalten. Solange sich das Kind darauf verlassen kann, dass übergeordnete Ziele der Eltern identisch sind und sich die Eltern wieder vertragen, sind Kinder dazu in Lage, Spannungen zwischen den Eltern auszuhalten.

Quelle:
Kontaktwiderstände des Kindes nach Trennung der Eltern:
Ursache, Wirkung und Umgang
von Liselotte Staub, Dr. phil., Psychologin und Psychotherapeutin FSP, Bern
(ZKE 5/2010 S. 349-364)

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