Neurologen und Psychiater im Netz

Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

05.10.2016

Traumatische Erfahrungen können an die nächste Generation weitergegeben werden – Familien brauchen gezielte Unterstützung

Der Nachwuchs psychisch kranker oder traumatisierter Eltern hat ein erhöhtes Risiko, selbst psychische Auffälligkeiten zu entwickeln. Neben den Eltern benötigen betroffene Kinder gezielte Hilfen, um die Verhaltensweisen des kranken oder traumatisierten Elternteils einordnen zu können.

Kinder psychisch kranker und/oder traumatisierter Eltern haben ein erhöhtes Risiko, selbst psychische Auffälligkeiten zu entwickeln. Psychisch kranke Eltern wollen zwar wie die allermeisten Eltern nur das Beste für ihre Kinder, doch krankheitsbedingte Beeinträchtigungen erschweren es ihnen, die vielschichtige Elternrolle gänzlich auszufüllen. Die meisten Eltern, die mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben, schaffen es auch, trotz ihren psychischen Belastungen, ausreichend gute Eltern zu sein. Manche Eltern sind durch die psychische Erkrankung und die Herausforderungen der Erziehung aber so belastet, dass es ihnen nicht gelingt, ihren Nachwuchs angemessen zu versorgen und dessen Bedürfnissen gerecht zu werden. „Teilweise übernehmen Kinder dann elterliche Aufgaben im Familiensystem und beginnen, die Eltern und ihre Geschwister zu versorgen, und stellen ihre eigenen Bedürfnisse hierfür zurück. Es kommt also zu einer Art überangepassten Verhaltens“, berichtet Dr. Marc Schmid (UPK Basel), Sprecher der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (SGKJPP), die ihren Sitz in Bern hat. „Andere Kinder reagieren auf zu geringe Beachtung ihrer Bedürfnisse nicht überangepasst, sondern fordern diese stärker ein, bis dahin, dass die Kinder externalisierende Verhaltensauffälligkeiten entwickeln. Darunter versteht man ein nach außen gerichtetes, auffälliges Verhalten, was sich beispielsweise in Form von Unruhe und Zappeligkeit oder auch aggressivem Verhalten zeigen kann. Diese Verhaltensauffälligkeiten der Kinder erhöhen dann den Erziehungsstress für die Eltern, welcher die elterlichen Handlungsmöglichkeiten weiter einschränkt. Dadurch kann das Risiko für Vernachlässigung, Misshandlung und psychische Auffälligkeiten bei den Kindern ansteigen.“ Nicht selten mangelt es an grundlegenden Erziehungsfertigkeiten. Die betroffenen Eltern haben in ihren Ursprungsfamilien schlicht nicht gelernt, wie Probleme in einer Familie gelöst werden können und wie auf die Bedürfnisse von anderen Familienmitgliedern eingegangen werden kann.

Stress bei erkrankten Eltern kann problematisches Erziehungsverhalten befördern

Nicht selten wurden maladaptive Erziehungsfertigkeiten und harsche und/oder vernachlässigende Erziehungsmethoden erfahren, auf welche die betroffenen Elternteile dann unter Stress bei der Erziehung der eigenen Kinder selbst zurückgreifen. „Auch eine unbewusste Weitergabe von Traumatisierungserfahrungen - etwa durch Missbrauch, Vernachlässigung oder Gewalterfahrung - von Generation zu Generation sind daher häufig zu beobachten. Die Mechanismen, wie dieses geschieht, sind vielfältig - einerseits mangelt es an einem Verhaltensrepertoire für positives Erziehungsverhalten, andererseits an der Fähigkeit, sich unter Stress selbst ausreichend gut steuern zu können und die Bedürfnisse eines Kindes adäquat erkennen zu können“, ergänzt der Experte. „Kinder können durch solch einen inadäquaten Erziehungsstil sowohl externalisierende als auch internalisierende Symptome entwickeln. Eine internalisierende Problemverarbeitung ist stark nach innen gerichtet und es können sich beispielsweise Selbstzweifel, Depressionen und Ängsten entwickeln.“ Psychische Erkrankungen und traumatische Erfahrungen bei Eltern können sich auf unterschiedlichste Art auf das Leben der Kinder auswirken. Teilweise leiden die Kinder auch unter der Teilhabebeeinträchtigung ihrer Eltern, indem sie zum Beispiel keine Kinder mit nach Hause bringen oder Kindergeburtstage ausrichten können, oder niemand haben, der sie bei den Hausaufgaben unterstützen kann.

Traumatisierung beeinträchtigt Sicherheitsgefühl und Einfühlungsvermögen

Bei Menschen mit schweren, unbehandelten psychischen Erkrankungen sind die Gefühle, das Denken und das Handeln beeinträchtigt. Bei Menschen, die Vernachlässigung, Missbrauch und Misshandlung und interpersonelle Traumatisierungen erfahren haben, sind oft das Sicherheitsgefühl und das Grundvertrauen beeinträchtigt. Es fällt den Betroffenen schwer, vertrauensvolle Beziehungen zu anderen Menschen, auch professionellen Helfern, aufzubauen. „Kinder benötigen in ihrem Entwicklungsprozess eine sichere und haltende Umgebung. Sie sind beim Entdecken und Verstehen der Umwelt, der zwischenmenschlichen Beziehungen sowie auch des eigenen inneren Erlebens auf die Hilfe von Bezugspersonen angewiesen. Nur in engen Beziehungen zu vertrauensvollen Bezugspersonen können Kinder eine adäquate Selbststeuerung erlernen“, betont Dr. Marc Schmid. „Psychisch kranke und traumatisierte Elternteile können diese Anforderungen oft nicht zuverlässig leisten, weil sie emotional instabil sind, unter Stressbelastung sehr mit sich selbst beschäftigt sind und auch unter Impulsivität, Ängsten oder Wahrnehmungsstörungen leiden. Ihr Einfühlungsvermögen in die Gefühls- und Gedankenwelt der Kinder ist beeinträchtigt und die Kinder stehen ohne verlässliche Orientierungshilfen alleine da. Sie erleben mitunter verwirrende oder gar bedrohliche Situationen sowie Gefühle von Einsamkeit und Hilflosigkeit.“ Gerade traumatisierte Eltern können oft in Situationen, in welchen die Kinder ihre emotionale Nähe und Steuerung brauchen, diese nicht verlässlich geben, da sie unter emotionalem Stress keine engen Interaktionen gestalten und diese im Extremfall sogar traumatische (Wieder-)Erinnerungen auslösen können.

Kinder müssen krankheitsbedingtes Verhalten der Eltern einordnen können

Neben den Eltern benötigen betroffene Kinder gezielte Hilfen, um die Verhaltensweisen des kranken Elternteils einordnen zu können. Solche Prozesse können über aufklärende psychoedukative Gespräche mit Kindern unterstützt werden. Die Kinder brauchen eine ehrliche, wertschätzende Erklärung für das Verhalten des betroffenen Elternteils. Sie müssen beispielsweise in ihrer kindlichen Wahrnehmung unterstützt werden und die Fähigkeit erlangen, zwischen normalem und krankheitsbedingt unangemessenem Verhalten unterscheiden zu können, da sonst die Gefahr besteht, dass sie sich selbst die Schuld für das inadäquate Verhalten der Eltern geben («Mama weint, weil ich das Saftglas umgekippt habe.»). Dies ist, neben einer therapeutischen Behandlung der Eltern, eine wesentliche Voraussetzung, damit psychische Störungen und maladaptive Erziehungspraktiken nicht an die nächste Generation weitergegeben werden. „Entscheidend hierfür ist, dass die Lebenssituation und die Versorgung der Kinder bei der Behandlung von Eltern immer thematisiert wird. Leider wird die psychische Belastung der Kinder bei der Behandlung von Erwachsenen oft nicht ausreichend beachtet. Das Ansprechen von Problemen in der Erziehung ist oft sehr schambesetzt und wird von den Patienten selbst deshalb nicht von sich aus angesprochen, weshalb es notwendig ist, dass die psychosozialen Helfer hier aktiv werden“, rät der Kinder- und Jugendpsychiater.

Eltern sollten Erziehungssorgen mit ihren behandelnden Therapeuten besprechen

Psychisch kranke Eltern erleben die Stressbelastung durch eine Elternschaft generell ausgeprägter als unbelastete Eltern. Häufig wird die Belastung durch weitere Faktoren, wie z.B. eine schwierige finanzielle Situation, verstärkt, was sich wiederum auf die Lebensqualität und die psychische Gesundheit der Kinder auswirkt. Es ist bekannt, dass zwischen Elternschaft, dem Stressempfinden der Eltern und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern ein ungünstiger wechselseitiger Bezug besteht. Betroffene Eltern bemerken oft Auffälligkeiten bei ihren Kindern und entwickeln Gefühle von Schuld und Scham. Überforderung und der Eindruck, den Kindern nicht gerecht werden zu können, erhöhen die Belastungssituation - auch für die Kinder. „Die Probleme dieser Familien begünstigen und verstärken sich gegenseitig, so dass die Familien in einen Teufelskreis geraten. Die Planung von Hilfen sollte daher nicht nur individuell auf die Eltern oder das Kind fokussiert werden, sondern auf die ganze Familie. Insbesondere sollte sie auf die Verbesserung der Eltern-Kind-Interaktion abzielen. Wenn es hier gelingt Fortschritte zu erzielen, reduziert sich der Stress aller Beteiligten, was sich oft auch in einer Reduktion der elterlichen und kindlichen Symptomatik niederschlägt. Um die gesamte Situation zu entlasten, sollten Eltern sich unbedingt den behandelnden Ärzten oder Therapeuten anvertrauen und sich nicht scheuen, über ihre Nöte bei der Erziehung ihrer Kinder zu sprechen“, betont Dr. Schmid. „Ein vertrauensvolles therapeutisches Gespräch kann bereits sehr entlastend wirken und den Eltern helfen, ihr erkrankungsbedingtes Verhalten besser einordnen zu können. Gemeinsam mit den Eltern kann zudem geklärt werden, ob psychiatrische oder andere psychosoziale Hilfen für die Kinder benötigt werden.“ Leider sind den Eltern viele Angebote unbekannt und viele Hilfen sind für schwer belastete Eltern viel zu hochschwellig, wie eine aktuelle Studie in der Region Basel zeigte.

Unterschiedliche Hilfsmaßnahmen stehen zur Verfügung

Die meisten Eltern sind für Unterstützung dankbar und sie reagieren erleichtert, wenn ihnen Entlastungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Im ersten Schritt den elterlichen Stress zu reduzieren, kann bereits viel bewirken. Darüber hinaus können weiterführende lebensweltorientierte Hilfsmaßnahmen für die ganze Familie besprochen werden. „Es kann beispielsweise hilfreich sein, Ressourcen im Umfeld der Familie zu stärken und die Eltern auch konkret darin zu unterstützen, mit den Lehrkräften über die schwierige Situation zu Hause zu sprechen, damit diese das Kind besser unterstützen können, und nicht zusätzlich Druck auf das Kind und die Familie aufbauen“, meint der Experte. „Hilfsangebote können aber auch in Form von Erziehungsberatung und -trainings oder auch einer Familientherapie bestehen.“ Solche Eltern-Kind-Interventionsprogramme erwiesen sich in mehreren Wirksamkeitsuntersuchungen als sehr effektiv und effizient. Für hochbelastete Familien wurden auch hochintensive, aufsuchende Programme wie die Multisystemische Therapie (MST-Kinderschutz) implementiert und evaluiert. Im Rahmen des MST-Kinderschutz werden Eltern und Kinder sowie deren Interaktion in ihrem Umfeld mit evidenzbasierten Psychotherapieverfahren behandelt. Die MST-Therapeuten sind in diesen Programmen rund um die Uhr erreichbar, realisieren vier Termine in der Woche und koordinieren während der neunmonatigen Behandlung das gesamte Helfersystem. Die Kombination aus lebensweltorientierten Hilfen und evidenzbasierter Psychotherapie ermöglicht es, alte Verhaltensmuster zu durchbrechen, neue Fertigkeiten rasch zu erlernen und im Alltag umzusetzen.

Wenn eine Familie unter den Auswirkungen der elterlichen Erkrankung zu sehr leidet und ambulante Angebote nicht erfolgsversprechend scheinen, kann gemeinsam mit den Eltern in Erwägung gezogen werden, ob eine Fremdplatzierung für das Kind die bessere Alternative, als das Zusammenleben mit einem überforderten und hoch belasteten Elternteil, darstellt.

Weitergabe der Traumatisierung in die nächste Generation unterbrechen

Eine günstige Beeinflussung der Mechanismen der Trauma-Weitergabe hat, nicht zuletzt vor dem Hintergrund gegenwärtiger Migrations- und Kriegssituationen sowie andauernder Gewaltverhältnisse, eine große Bedeutung, flüchten doch hoch belastete Kinder und Eltern nach Europa, die zusätzlich zur Bewältigung ihrer belastenden Lebenserfahrungen noch vor der Herausforderung stehen, sich in einem neuen Kulturkreis zurechtfinden zu müssen und diesbezüglich auch in der Erziehung in vielfacher Art und Weise herausgefordert werden. „Bei Konstellationen mit geflüchtete Eltern, die eventuell wegen eigenen traumatischen Erfahrungen in ihrer Teilhabe und ihren Erziehungs- sowie Selbstregulationsfertigkeiten beeinträchtigt sind, ist es nicht verwunderlich, dass das Misshandlungs- und Vernachlässigungsrisiko steigt. Deshalb ist es wichtig, bei der Bedarfsplanung von psychosozialen Hilfen für minderjährige Flüchtlinge nicht nur adäquate Hilfen für unbegleitete minderjährige Asylsuchende, sondern auch passgenaue Hilfen für belastete Familien im Blick zu haben. Um die Weitergabe der Traumatisierung in die nächste Generation zu unterbrechen, brauchen Kinder und Familien mit einem psychisch kranken Elternteil gezielte Unterstützung“, betont Dr. Schmid. Es ist wichtig, dass alle Familien in solchen Situationen - mit oder ohne Fluchtgeschichte - rechtzeitig gezielt unterstützt werden und ihre Situation verbessert wird. Ärzte oder Beistände können hierbei erste Ansprechpartner sein und über Hilfen informieren. Auch im Internet finden sich Anlaufstellen, bei denen sich Eltern auch anonym beraten lassen und die Jugend- und Familienhilfsmaßnahmen sowie ärztliche Hilfsmaßnahmen vermittelt werden können.

In der Schweiz leben aktuellen Schätzungen zufolge bis zu 50.000 Kinder mit mindestens einem psychisch kranken Elternteil zusammen.

Hilfsangebote in der Schweiz im Internet:

Literatur: Hefti, S., Kölch, M., Di Gallo, A., Stierli, R., Roth, B., & Schmid, M. (2016). Welche Faktoren beeinflussen, ob psychisch belastete Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil Hilfen erhalten? Kindheit und Entwicklung, 25(2), 89-99.

(äin-red) Der Abdruck dieser Pressemeldung oder von Teilen des Artikels ist unter folgender Quellenangabe möglich: www.kinderpsychiater-im-netz.org. Bei Veröffentlichung in Online-Medien muss die Quellenangabe auf diese Startseite oder auf eine Unterseite des Patientenportals verlinken. Fotos und Abbildungen dürfen grundsätzlich nicht übernommen werden.