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06.12.2016

Alkoholgeschädigte Kinder können Konsequenzen für sich und andere schlecht einschätzen – frühe Hilfen wichtig

Mütterlicher Alkoholkonsum in der Schwangerschaft kann für die betroffenen Kinder lebenslange Folgen haben und ein weites Spektrum von Störungen verursachen. Das Ausmaß der Behinderungen und Einschränkungen lässt sich in vielen Fällen oft nur schwer und spät im Verlauf der Entwicklung erfassen - wobei die Gehirnentwicklung in der Regel am stärksten betroffen ist.

Alkoholbedingte Einflüsse auf die Entwicklung eines ungeborenen Kindes werden als „Fetale Alkohol-Spektrum-Störungen“ (FASD) zusammengefasst, wobei das „Fetale Alkoholsyndrom (FAS)“ dem Vollbild entspricht mit den typischen Gesichtsauffälligkeiten. Nicht nur alkoholkranke Frauen können ihr Kind schädigen. Es existiert kein risikoloser Alkoholgrenzwert in der Schwangerschaft, da die Schädigung nicht ausschließlich von der konsumierten Menge, sondern auch von der individuellen Alkoholtoleranz von Mutter und Kind abhängen. Fetale Alkohol-Spektrum-Störungen gelten als die häufigste Ursache für eine angeborene Behinderung. In Deutschland werden jährlich etwa 10.000 Kinder mit FASD geboren. Die Störungen werden noch immer nicht in ihrer ganzen Tragweite, auch nicht in ihrer gesundheitspolitischen und wirtschaftlichen Bedeutung erfasst.

Mütterlicher Alkoholkonsum in der Schwangerschaft kann für die betroffenen Kinder lebenslange Folgen haben und ein weites Spektrum von Störungen verursachen. Das Ausmaß der Behinderungen und Einschränkungen lässt sich in vielen Fällen oft nur schwer und spät im Verlauf der Entwicklung erfassen. Das Gehirn, als größtes und empfindlichstes Organ des Embryos und Fetus, ist durch die Alkoholexposition am stärksten betroffen. Krankhafte Veränderungen sind hier sehr viel häufiger als die z.T. sichtbaren Auffälligkeiten - wie beispielsweise Gesichtsfehlbildungen, Kleinwuchs und Untergewicht - und können auch isoliert von diesen auftreten. Diese Kinder können in vielen Bereichen beeinträchtigt sein, wie der Wahrnehmung, Konzentration, Motorik und Sprache sowie auch im Lernen bzw. der Intelligenz. In nicht wenigen Fällen wird ADHS, Autismus oder ab dem späten Jugendalter eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Mehr noch als die intellektuellen Einschränkungen belasten jedoch die emotionalen Auffälligkeiten und Verhaltensstörungen. „Typischerweise leiden die Kinder unter motorischer Unruhe, Nervosität, teils auch Schreckhaftigkeit. Sie neigen zu einem ungehemmten Sozialverhalten, reagieren schnell frustriert und erleben schwer kontrollierbare Stimmungen“, berichtet Dr. Ingo Spitczok von Brisinski vom Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland (BKJPP) mit Sitz in Mainz. „Die Kinder können die Risiken des eigenen Verhaltens oft nicht einschätzen und lernen selbst kaum aus schlechten Erfahrungen. Im Alltag vergessen sie immer wieder zuvor Gelerntes beziehungsweise Eingeübtes. Oft sind sie unbefangen, haben ein geringes Distanzgefühl und auch kein natürliches Misstrauen oder Gefahrenbewusstsein. Das birgt ein Risiko, dass die Kinder wiederholt in Situationen geraten, deren Konsequenzen sie für sich und andere nicht verstehen.“ Betroffene Kinder und Jugendliche geraten aufgrund ihrer Leichtgläubigkeit und Naivität oft wiederholt in problematische Situationen, weil sie fremde Absichten nicht durchschauen und der Zuwendung von Fremden Folge leisten. Sie haben ein erhöhtes Risiko, als Mitläufer straffällig zu werden sowie in sexualisierter Weise ausgenutzt zu werden. Wiederkehrende Reglementierungen, harsche Kritik und Bestrafungen durch Autoritäten lassen die Hilflosigkeit und Verzweiflung dieser Kinder und Jugendlichen anwachsen – oft werden sie als faul, lernunwillig und kriminell abgestempelt.

Frühe therapeutische Unterstützung verbessert Zukunftsperspektive

Bei einem Teil der betroffenen Kinder bleibt die zugrundeliegende Störung oft lange unbemerkt – insbesondere bei weniger ausgeprägten Störungsbildern ohne körperliche Auffälligkeiten. Andererseits kann den Kindern bei frühzeitiger Diagnosestellung am besten geholfen werden. Dies ist auch wichtig, um sie vor Folgen wie Gesetzeskonflikten oder sexueller Ausbeutung zu schützen. „Verschiedene Fördermaßnahmen und Therapien können den betroffenen Kindern helfen, ihre Impulsivität, Aggressionen oder Stimmungsschwankungen positiv zu beeinflussen. Neben verhaltenstherapeutischen Maßnahmen sind in der Frühförderung oftmals auch bewegungs- und sprachtherapeutische Hilfen wichtig“, erklärt der Kinder- und Jugendpsychiater. „Alltagsnahe, sehr konkrete Hilfestellungen sind meist notwendig, um den Kindern die Orientierung zu erleichtern und zu einem angemessenen Handeln im Alltag zu verhelfen.“ Manchmal können auch Medikamente sinnvoll sein, um Konzentrationsprobleme und Verhaltensauffälligkeiten, unter denen die Kinder leiden, abzuschwächen.
Im jungen Erwachsenenalter benötigen Betroffene in der Regel weiterhin eine Betreuung mit alltagspraktischen Anleitungen, nicht selten auch lebenslang. Circa 85 Prozent der Betroffenen bleiben ohne Beruf oder Beschäftigung. Eine gute Begleitung - oft durch Pflegefamilien, bei Adoptiveltern oder in bestimmten Einrichtungen - ist auch deshalb so wichtig, damit die jungen Menschen vor Missbrauch, Erpressung sowie Manipulationen und ungewollten Gesetzeskonflikten beschützt werden.

Quellen und weiterführende Informationen:

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