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03.01.2020

Verein hilft Kindern psychisch kranken Eltern

Kinder von psychisch kranken Elternteilen sind oft hilf- und ratlos. Sie verstehen Reaktionen nicht und fühlen sich schuldig, wenn es Mama oder Papa schlecht geht. Ein Verein in Trier hilft ihnen - und wird für seine Arbeit jetzt geehrt.

Mia ist sieben Jahre alt und eigentlich total lebhaft. Sie geht aber kaum vor die Tür. Denn ihre Mutter, mit der Mia zusammenlebt, leidet an Depressionen und hat Angst davor, das Haus zu verlassen. Die Schule ist das einzige, das dem Mädchen am Tag eine Struktur gibt. Seit kurzem bekommt Mia Hilfe. Sie besucht die Gruppenstunde des Trierer Vereins Auryn, der für Kinder da ist, deren Eltern psychisch krank sind. «Sie sieht oft traurig aus. Beim Spielen legt sie sich plötzlich hin und fängt an zu weinen», sagte Erna Frescher, die als Psychologiestudentin bei Auryn mitarbeitet.
Solche Stimmungsschwankungen seien bei betroffenen Kindern häufig, sagte Gabriele Apel, Gründerin und Vereinsvorsitzende von Auryn Trier. Sie würden die Krankheit der Elternteile «spiegeln» - auch weil, sie nicht verstünden, was da passiere. Bei Auryn, in dem hellen, bunten Raum voller Spielsachen, können sie loslassen. Hier gebe es «einen sicheren Platz», bei dem die Kinder ihre Gefühle zeigen oder über die Krankheit ihrer Eltern reden könnten, sagte die Diplom-Sozialarbeiterin und Gestalttherapeutin.

Dafür, dass der Verein jenen Kindern und Jugendlichen eine Stimme verleihe und sie unterstütze, wurde er vom rheinland-pfälzischen Landesverband des Kinderschutzbundes mit dem Kinderschutzpreis (3000 Euro) ausgezeichnet.
«Kinder können kaum nachvollziehen, was geschieht, wenn Eltern psychisch erkranken und verstehen die Reaktionen nicht», sagte die Geschäftsführerin vom Kinderschutzbund, Iris Geißler-Eulenbach, in Mainz. «Sie fühlen sich schuldig.» Genau da setze Auryn an: Kinder bekämen Klarheit, wie sie die Erkrankung der Eltern einschätzen und damit umgehen könnten. «Sie werden entlastet durch zuverlässige Ansprechpartner», sagte Geißler-Eulenbach. Und könnten zusammen schöne Dinge erleben. «Dadurch werden sie gestärkt.» Der 2001 gegründete Verein hat sich nach dem magischen Amulett aus dem Roman «Die unendliche Geschichte» von Michael Ende benannt, das Kraft und Stärke bringen soll.

Jeder vierte Erwachsene hat psychische Erkrankung

In Deutschland ist nach Angaben des Kinderschutzbundes mehr als jeder vierte Erwachsene von einer psychischen Erkrankung betroffen. Vor allem Angststörungen, Depressionen und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch träfen nicht nur die knapp 18 Millionen direkt Betroffenen, sondern auch deren Kindern. Apel sagte, man gehe von bundesweit mehr als drei Millionen Kindern aus, die unter der psychischen Erkrankung eines Elternteils litten.

Manche Kinder begleitet Auryn ein paar Monate, bei anderen sind es mehrere Jahre. «Hier lernen die Kinder, dass sie nicht alleine sind», sagte Helena Thiel, Studentin der Psychologie an der Uni Trier. Viele Kinder müssten erst einmal verstehen, dass eine Krankheit der Grund dafür sei, dass Mama oder Papa gerade mal gut oder gerade mal schlecht gelaunt seien. Bei Auryn Trier, der landesweit einmalig sei, gibt es derzeit drei Gruppen mit Kindern zwischen 5 bis 16 Jahren. Viele blühten mit der Zeit richtig auf.

Möglichst frühe Hilfestellung für belastete Kinder wichtig

«Je kleiner die Kinder, desto schlimmer ist die Betroffenheit, wenn ihnen nicht geholfen wird», sagte Apel. «Die Jüngeren sind sehr abhängig von den Eltern, können das nicht einordnen.» Sie bemühten sich ständig darum, dass es den Eltern gut gehe. Wenn das dann nicht der Fall sei, suchten sie die Schuld bei sich selbst. Größere Kinder schlüpften teils in eine Elternrolle hinein und kümmerten sich um kleine Geschwister. «Oder darum, dass was zu essen zu Hause ist», berichtete Apel. «Oft sind sie überfordert.»

Über den Preis freut sich der Verein sehr. «Das ist eine totale Ehrung», sagte Apel. Vor allem: «Dieses Gesehenwerden, die Wertschätzung unserer Arbeit, dass das wichtig ist. Und dass die Kinder gleichzeitig in den Blickpunkt gerückt werden.» Vor 20 Jahren habe nie jemand nach den Kindern gefragt. Man habe die Erwachsenen behandelt in der Erwachsenen-Psychiatrie - und sich nicht um die kleinen Angehörigen gekümmert. «Es war ein Tabuthema.»

Vor kurzem hätten sie die Kinder in den Gruppen gefragt: «Was wünschst du dir am meisten, was du in der Familie mal machen möchtest?» Die Antworten: «Schwimmen», «Rollschuhfahren», «Eisessen», «Ins Kino gehen» und «Auf der Couch sitzen mit den Eltern.» Wünsche nach ganz Normalem eben.

Quelle: dpa