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07.12.2016

Mehr als jeder siebte Schüler von Internetsucht gefährdet

Fast 3,5 Stunden sind die Schüler laut einer Studie in Rheinland-Pfalz im Schnitt täglich online. Das bleibt nicht ohne Folgen: Einige sind suchtgefährdet. Doch die sozialen Medien sind auch positiver Begleiter.

Mehr als jeder siebte Schüler in Rheinland-Pfalz ist einer Untersuchung zufolge in Gefahr, internetsüchtig zu werden. Zu den suchtartig genutzten Angeboten gehören nicht nur Online-Computerspiele, sondern auch soziale Medien, wie Leonard Reinecke erklärt. Der Juniorprofessor für Online-Kommunikation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist einer der Leiter einer repräsentativen Studie, für die 1800 Kinder und Jugendliche befragt wurden

Nervosität und Scheitern bei Abstinenz sind Hinweise auf Sucht

Zur Sucht gehöre, dass man an nichts Anderes mehr denken könne und bei eingeschränktem Zugang nervös sei und Angst bekomme, sagte Reinecke. Außerdem blieben Abstinenzversuche erfolglos. "Wichtige Teile des Lebens werden vernachlässigt, so etwa der Kontakt zur Familie, die Schule und der Freundeskreis." Die Ergebnisse der Studie legten nahe, dass 2,5 Prozent der Schüler eine Internetsucht hätten.

Darstellung im Web oft einseitig

Reinecke weist auf eine weitere Gefahr hin: Menschen präsentieren sich auf Internet-Plattformen oft nur von ihrer Schokoladenseite. „Wenn man als Betrachter vergisst, dass das ein nur positiver Ausschnitt ist, dann erscheint das eigene Leben weniger farbenfroh“, sagte Reinecke. Daraus könnten Frustration und Unzufriedenheit entstehen. Besonders häufig verglichen Kinder und Jugendliche ihren Körper mit den Körpern von anderen.
Reinecke und seine Kollegen befragten die Schüler im Alter von 11 bis 17 Jahren zu ihren Mediennutzungsgewohnheiten. "Die Pubertät ist der Zeitraum, in dem sich viele zentrale Fragen stellen und geklärt werden: Wer bin ich, wer will ich sein?", sagte Reinecke. In diesem Abschnitt sei es besonders spannend zu sehen, wie Medien wirkten. "Sind sie positive Begleiter oder überwiegen die Gefahren und Risiken?", fragte Reinecke. Da gebe es noch kaum Untersuchungen.

Soziale Medien können auch positive Orientierungsfunktion haben

Die Forscher des Mainzer Instituts für Publizistik stellten durchaus Nutzen durch Internetnutzung fest. Bei der Definition der eigenen Identität und der Abgrenzung von den Eltern könnten soziale Medien eine wichtige Orientierungsfunktion bieten, sagte Reinecke. "Die Schüler sehen, wie Gleichaltrige mit ähnlichen Fragen umgehen; wie diese sich verhalten."
Außerdem werde der Alltag ganz stark mit Hilfe sozialer Medien organisiert. Die Netzwerke seien "die Nabelschnur zu den Freunden», sagte Reinecke. Dazu gehöre auch, dass Jugendliche zum Beispiel im Laden einen Rock oder eine Hose sehen, und Gleichaltrige um Rat fragen, ob sie das Kleidungsstück kaufen sollen. «Alles, was sie bewegt, können sie zeitnah und barrierefrei an die Peergroup weitermelden und bekommen eine Antwort."

Das Team der Mainzer Universität hat sich nicht gesondert mit den Jugendlichen beschäftigt, die nicht online sind - denn dafür wäre die Datenbasis zu klein gewesen. "Die Gruppe der Abstinenzler ist fast nicht existent", sagte Reinecke. 80 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen seien täglich oder mehrmals täglich im Internet, im Schnitt 3,4 Stunden am Tag.

Quelle: dpa