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28.11.2010

Förderung des kindlichen Bewegungsdrangs kann Schulnoten verbessern

Kinder werden zappelig, wenn sie längere Zeit sitzen müssen. Dann fangen sie an, zu kippeln und auf dem Stuhl herumrutschen - und das sei nach Expertenmeinung auch gut so.

Kinder werden zappelig, wenn sie längere Zeit sitzen müssen. Dann fangen sie an, zu kippeln und auf dem Stuhl herumrutschen - und das sei auch gut so, meint Dieter Breithecker von Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung in Wiesbaden. Denn wenn Kinder sich nicht genug bewegen, gerate die Entwicklung ihrer Sinne und damit ihre gesamte körperliche Entwicklung aus der Balance.

Auge und Ohr würden durch die zunehmend multimediale Nutzung zu stark beansprucht, Gleichgewichts- sowie Muskel- und Bewegungssinn dagegen unterfordert. „Das schadet auch der geistigen Entwicklung“, warnt der Experte. So wiesen Kinder mit Gleichgewichtsstörungen auch schlechtere Schulnoten auf.

„Die gesunde Bewegungsunruhe während des Sitzens ist also ein Muss“, sagt Breithecker. Sie diene dem körperlichen und geistigen „Überleben“. „Das wachsende Gehirn unserer Kinder ist unter anderem auf regelmäßige Impulse durch die komplexen Sinneszellen des Körpers angewiesen, nur so können sich Nervenzellen im Gehirn optimal verschalten.“ Aus Sicherheitsgründen sollten Kinder aber nicht auf starren Möbeln kippeln. Besser sie nutzen ergodynamische Stühle mit kontrolliert beweglichen Sitzflächen.

„Diese Sichtweise ist eine gute Korrektur einer allzu engen Sichtweise auf das sogenannte „Zappelphillip-Syndrom“ (ADHS)“ , ergänzt dazu Dr. Maik Herberhold, Vorsitzender des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (bkjpp). Während etwa 2-3 Prozent aller Kinder an einer Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung leiden, die neben der Bewegungsunruhe noch eine Vielzahl anderer Probleme mit sich führt, werden inzwischen eine deutlich höhere Anzahl temperamentvoller oder einfach lebendiger Kinder rasch mit einem „ADHS-Verdacht“ belegt. Vielfach sind Überforderung der Lehrer, zunehmend anspruchsvollere Lehrpläne und Ängste der Eltern vor einem Schulversagen der Grund, selbst kleinere Abweichungen von der Norm bei Kindern als Krankheit zu kennzeichnen.

Kinder entwickelten sich nicht im Gleichschritt, deshalb müssten in einer jahrgangsorientierten Klasse „reifere“ und „unreifere“ Kinder gemeinsam lernen. Letztere seien aber nicht krank, sondern vielleicht etwas verspielter oder langsamer. „Stören im Unterricht“ ist keine Krankheit, sondern zunächst ein pädagogisches Problem. Erst bei deutlichen Störungen der Konzentration oder des Sozialverhaltens sei es sinnvoll, auch eine kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung anzustreben.

Quelle: dpa