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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

28.10.2015

Experte: Nicht alle Flüchtlinge brauchen eine Traumatherapie

Die Versorgung psychisch kranker Kinder hat sich in den vergangenen Jahren nach Einschätzung von Psychiatern deutlich verbessert. Auch die neuen Fälle von traumatisierten Flüchtlingskindern ließen sich noch gut bewältigen. Vielen helfe bereits eine sichere Umgebung.

Viele Flüchtlingskinder haben in ihren Heimatländern oder auf ihrem Weg nach Europa schlimme Dinge erlebt. Nicht wenige sind traumatisiert. Welche Herausforderungen dadurch auf die deutschen Kinder- und Jugendpsychiater zukommen - damit beschäftigt sich eine Tagung von Donnerstag an in Mainz. Der Vorsitzende des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Gundolf Berg, ist überzeugt, dass viele es aus eigener Kraft schaffen, die Erlebnisse zu verarbeiten - wenn sie in einer sicheren Umgebung sind.

Frage: Mit dem Flüchtlingsstrom kommen auch viele traumatisierte Kinder und Jugendliche nach Deutschland. Wie sieht es mit der Versorgung aus? Gibt es genug Experten für diese Thematik?

Antwort: Es ist natürlich davon auszugehen, dass da eine Welle von Kindern und Jugendlichen mit Traumatisierungen auf die Praxen zurollen könnte. Bislang ist es aber nicht so. Die Zahl der Fälle kann momentan noch gut bewältigt werden. (...) In der öffentlichen Diskussion entsteht aktuell rasch ein Automatismus derart, dass man meint, alle bräuchten jetzt eine hochkomplexe Traumatherapie. Das halten wir für kritisch. Zunächst einmal geht es für die betroffenen Menschen um ein Ankommen in einer sicheren Umgebung und eine Versorgung mit dem Nötigsten. Viele der Betroffenen werden das Erlebte ohne professionelle Hilfe bearbeiten können, soziale Unterstützung ist dabei wichtig und hilfreich.

Frage: Wie sieht es insgesamt mit der Versorgung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen in Deutschland aus? Bekommen Familien zeitnah einen Termin bei einem Spezialisten?
Antwort:
In den letzten Jahren hat sich die Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher deutlich verbessert. Die Wartezeiten für einen Termin bei einem Spezialisten sind deutlich gesunken, wobei allerdings noch deutliche regionale Unterschiede bestehen. (...) In ländlichen Regionen gibt es sicher vielerorts noch Nachholbedarf und für die Betroffenen dann entweder weite Wege oder Wartezeiten.

Frage: Wie hat sich die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen fünf Jahren entwickelt?

Antwort: Mir sind keine Studien bekannt, die dazu eine belastbare Aussage zuließen. Eine wesentliche Zunahme jedenfalls scheint nicht zu verzeichnen zu sein, ebenso wenig ein Rückgang. Die Art der Schwierigkeiten und Erkrankungen, die wir in den Praxen sehen, hat aber in den letzten Jahren an Komplexität zugenommen. Das wird übereinstimmend von unseren Mitgliedern berichtet.

ZUR PERSON: Dr. Gundolf Berg betreibt ein Zentrum für ambulante
Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Mainz. Er betreut gemeinsam mit seinem Team Patienten bis zu einem Alter von 21 Jahren.

Quelle: dpa