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05.11.2014

Ängste und hoher Druck sind oft Gründe fürs Schulschwänzen

Fünf bis zehn Prozent der deutschen Schüler kommen nach Schätzung von Experten regelmäßig nicht zum Unterricht. Oftmals stecken psychische Probleme dahinter - oder zu vorsichtige Eltern.

Hoher Druck, Zukunfts- und Versagensängste sind nach Ansicht eines Experten häufige Gründe, wenn Kinder und Jugendliche nicht zur Schule gehen. «Ich erlebe viele Schüler, die sehr leistungsorientiert sind und einen hohen Anspruch an sich haben», sagte Christoph Lenzen von der Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg. «Sie haben das Gefühl: Ich bekomme gar nichts hin, ich bin viel zu schlecht - obwohl sie die ganze Zeit Höchstleistung erbringen.» Manche Patienten hätten die Haltung: «Ich darf eigentlich nur schlafen, lernen, essen und trinken.» Zudem kämen auf die Kinder schon früh zahlreiche Anforderungen zu.

«Wenn ich mit Eltern und Patienten rede, habe ich immer das Bild eines Schnellkochtopfs vor mir, da wird immer mehr Druck reingesteckt», sagte Lenzen. Irgendwann gelange man an den Rand des Leistbaren - viele Kinder und Jugendliche reagierten darauf mit physischen Beschwerden wie Schwindel, Kopf- oder Bauchschmerzen. «Unser Unterbewusstsein sagt irgendwann: Hey, das schaffe ich so nicht», sagte Lenzen. Die Folge: Viele Eltern schrieben den Kindern oft und auch langfristig Entschuldigungen für den Unterricht. Experten schätzen den Anteil der Kinder an deutschen Schulen, die regelmäßig nicht zum Unterricht kommen, auf fünf bis zehn Prozent. Konkrete Zahlen gibt es nach Angaben des Kultusministeriums nicht.

Auch eine klare wissenschaftliche Datenlage zum sogenannten Schulabsentismus liegt laut Lenzen nicht vor, da die vorhandenen Studien wegen Unterschieden bei der Definition und Methodik kaum vergleichbar seien. So könne man auch nicht auf wissenschaftlicher Basis sagen: Das Schulvermeiden bei Schülern steigt. «Der klinische und subjektive Eindruck ist aber ganz entschieden so, dass das Thema zunimmt», sagte der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. «Das wird immer mehr, ganz ohne Frage.»

Ähnlich sehe es bei der Frage nach psychischen Problemen bei Schülern aus. «Ich habe das Gefühl, dass die emotionale Belastung zunimmt», sagte Lenzen. Nach seinem Eindruck ist das ein gesellschaftliches Phänomen. «Auf Kinder kommen schon früh immer mehr Leistungsanforderungen zu. Schon der Fünfjährige bekommt Logotherapie, Ergotherapie, Sprachförderung, bilingualen Unterricht in der Schule, außerdem muss es mindestens ein Realschulabschluss sein. Das erlebe ich sehr ausgeprägt.»

Auch Michael Gomolzig vom Verband Bildung und Erziehung nimmt eine Steigerung der Fehlzeiten wahr. «Das hat zugenommen, viele Eltern schreiben mehr Entschuldigungen», sagte er. Manche wollten ihr Kind vor allem schützen - dabei werde oft nicht nachgefragt oder mit Ärzten und Lehrern gesprochen, wenn Schüler über Bauch- oder Kopfschmerzen klagten. Andererseits sei auch die Schule gefordert. «Sie muss auf die Eltern zugehen und sagen: Ihr Kind fehlt seit 14 Tagen, was ist da los?»

Quelle: dpa