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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Anzeichen und Störungsbild der Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie)

Eindeutig diagnostiziert werden kann eine Lese-Rechtschreibstörung erst im Verlauf der zweiten Klasse, da die Entwicklungsverläufe im Lesen und Schreiben während der ersten Monate des Schriftspracherwerbs noch sehr unterschiedlich sind und Schwierigkeiten nicht zwingend auf das Bestehen einer Legasthenie hinweisen müssen. Doch mögliche Anzeichen, speziell die eingeschränkte phonologische Bewusstheit, sind oft schon im Vorschulalter erkennbar, z.B. durch einen späten Sprachbeginn, Probleme bei der Unterscheidung von Lauten und Silben sowie beim Finden von Reimwörtern. Außerdem lässt sich bei vielen betroffenen Kindern eine geringe auditive Merkfähigkeit beobachten, sie können mündliche Anweisungen oder Melodien meist schlecht behalten.

Kinder mit Lese-Rechtschreibstörung lernen nur äußerst mühsam Lesen. Sie lesen sehr stockend, oft undeutlich, lassen Wörter, Wortteile oder Buchstaben aus, fügen willkürlich welche hinzu oder verdrehen und vertauschen diese. In den höheren Klasse ist ihre Lesegeschwindigkeit immer noch stark verlangsamt.  Diese Problematik zeigt sich in allen Schulfächern, auch beim Fremdsprachenlernen. Kinder mit Legasthenie weisen ein geringes Leseverständnis auf, d. h. sie können den Sinn des Gelesenen nicht wiedergeben und nur schwer in einen Zusammenhang setzen. Diese Problematik stellt die entscheidende Beeinträchtigung da, weil hierdurch der Wissenserwerb und der Zugang zu wichtigen schulischen und beruflichen Qualifikationen nachhaltig erschwert wird. Längere Wörter können sie meist nicht genau nachsprechen, oft fällt auch das Auswendiglernen von Gedichten schwer.

Beim (Recht-)Schreiben fallen die besonders hohe Anzahl von Fehler auf, ohne das ein typisches Fehlermuster gäbe.Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung vertauschen Buchstaben, lassen Buchstaben aus, wenden Rechtschreibregelwissen nicht an, oft ist die Schrift nur schwer leserlich.. Die Fehlerzahl in Diktaten sowie beim Abschreiben von Texten ist sehr hoch, nicht nur hinsichtlich der Orthografie, sondern auch bezüglich Grammatik und Interpunktion. Meist haben die Kinder mit einer Rechtschreibstörung kein Interesse am Schreiben und vermeiden aktiv Schreibanlässe.

Eine Lese-Rechtschreibstörung macht sich in fast allen schulischen Bereichen bemerkbar. So ist Lesen nicht nur für Deutsch, sondern auch für andere Fächer wie z.B. Heimat- und Sachkunde, Geschichte, Biologie, Fremdsprachen und selbst bei Textaufgaben in Mathematik wichtig. Braucht ein Kind viel Zeit, um einen Text bzw. eine Fragestellung inhaltlich zu erfassen, ist nicht selten das Ergebnis der Aufgabenbearbeitung fehlerhaft, auch wenn das Kind kognitiv die Aufgabe gut hätte lösen können. Hinzu kommt, dass sich Kinder mit Legasthenie aufgrund der großen Anstrengung, die sie beim Lesen und Schreiben aufwenden müssen, nicht so lang konzentrieren können und schneller unruhig werden als viele Mitschüler. Einzelne Bundesländer haben für die schulische Unterstützung der Kinder mit einer Legasthenie (in manchen Bundesländern wird von Kindern mit Schwierigkeiten beim lesen und Schreiben gesprochen) einen Nachteilsausgleich und Notenschutz geschaffen. Der Nachteilsausgleich sieht vor, dass die Kinder spezifische Hilfen und Unterstützung im Bereich lesen und Rechtschreiben im Unterricht und vor allem bei der Leistungsüberprüfung bekommen. So wird z.B. Zeitzuschlag bei der Bearbeitung von Aufgaben, die Lesen erfordern, gewährt. Der Notenschutz dient vor allem der emotionalen Entlastung der Schüler mit einer Legasthenie, deren Lese- und Rechtschreibleistung nicht gewertet wird, wenn sie geringer als ausreichend ausfällt.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne, München (DGKJP)