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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Krankheitsbild von Bulimia nervosa (Ess-Brechsucht)

Die Bulimia nervosa ist eine psychisch begründete Störung des Essverhaltens, für die wiederkehrende Essanfälle und bestimmte, einer Gewichtszunahme entgegensteuernde Maßnahmen (Erbrechen, Abführmittel, Fasten oder exzessiver Sport) kennzeichnend sind. Besonders abends kommt es bei den Betroffenen zu Heißhungerattacken, während der sie sich anfallartig große Nahrungsmengen zuführen, die oft besonders fett- und zuckerreich sind und weit über 10.000 Kalorien enthalten können. Im Anschluss an den Nahrungsexzess wird oft Manipulation im Rachenraum ein Erbrechen herbeigeführt, um nicht an Gewicht zuzunehmen. Alternativ oder zusätzlich können Abführmittel (Laxantien), und Appetitzügler missbraucht, sowie exzessive Sportprogramme und/oder Diäten und Fastenkuren durchgeführt werden. Zwischen den Essanfällen schränken die Patienten die Nahrungszufuhr meist extrem ein. Viele nehmen auch Arzneimittel, welche zu einem Gewichtsverlust durch vermehrte Wasserausscheidung führen (Diuretika). Der Wechsel zwischen übermäßigem Essen und zeitweiligen Hungerperioden führt z.T. zu beträchtlichen Gewichtsschwankungen. Im Gegensatz zu Magersüchtigen sind Bulimiekranke häufig eher normalgewichtig.

Zwar geht das Erbrechen kurzfristig mit einem Gefühl der Entlastung einher, die Wahrnehmung des eigenen Kontrollverlustes (den Essanfällen nachgegeben zu haben) führt allerdings zu ausgeprägten Scham- und Schuldgefühlen, welche die bereits zuvor bestehende Selbstwertkrise weiter verstärken können.

Menstruationsstörungen sind häufig, ein anhaltendes Ausbleiben der Monatsblutung (Amenorrhoe) wird hingegen aufgrund der durchschnittlichen Normalgewichtigkeit der Patienten seltener als bei Magersucht beobachtet. Häufig sieht man bei Bulimie-Erkrankte runde, pralle Wangen, die im Kontrast zu einer dünnen bis normalgewichtigen Figur stehen. Die Ursachen für das aufgedunsene Aussehen können dem häufigen Erbrechen bzw. dem Missbrauch von Medikamenten geschuldet und physiologisch sein: Zurückhalten von Flüssigkeit, vergrößerte Speicheldrüsen und Schwellung weiterer Drüsen. Weitere Anzeichen häufigen Erbrechens können zudem Zahnschäden (von Magensäure angegriffener Zahnschmelz) sein sowie vom Gebiss beschädigte bzw. deformierte Handknöchel (Russel's sign).

Oft leiden die Betroffenen zusätzlich unter Depressionen, Angst- und Persönlichkeitsstörungen bzw. Störungen der Impulskontrolle (Drogenkonsum, unkontrolliertes Geldausgeben, Ladendiebstahl vor allem von Nahrungsmitteln) verbunden mit selbstschädigendem Verhalten (Zufügen von Verletzungen, Ausreißen der Haare etc.). Die andauernde Beschäftigung mit Essen, die Suchtprozesse und Gier nach Nahrungsmitteln werden von den Patienten oft als so quälend empfunden, dass die Belastungen auch in suizidale Krisen münden können.

Bulimische Erkrankungen werden leichter übersehen und entsprechend später behandelt als anorektische. Erste Anzeichen bzw. Verhaltensänderungen, die den Beginn einer jugendlichen Essstörung anzeigen können, sind:

  • gesteigertes Interesse für Kaloriengehalt und Zusammensetzung von Nahrungsmitteln
  • Meiden von Hauptmahlzeiten
  • ausschließlicher Verzehr so genannter "gesunder" Nahrungsmittel
  • häufiges Kontrollieren des Körpergewichts
  • Unzufriedenheit mit eigenem Aussehen und Figur
  • Intensivierung körperlicher Aktivitäten, Hyperaktivität
  • zunehmende Leistungsorientierung
  • wachsende Isolation
  • Menstruationsstörungen


Fachliche Unterstützung: Dr. Freia Hahn, Viersen (BKJPP)