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Medikamentöse Therapie bei einer Alzheimer-Demenz

Behandlung mit Antidementiva

Zur Informationsübertragung und -verarbeitung benötigt das Gehirn bestimmte Eiweißstoffe, welche zur Kommunikation der Nervenzellen untereinander dienen. Ein Mangel dieser Botenstoffe im Gehirn, speziell an Acetylcholin, scheint u.a. die Krankheitszeichen der Alzheimer-Demenz zu verursachen. Die medikamentöse Therapie erfolgt daher in der Regel mit so genannten (Acetyl)Cholinesterasehemmer (z.B. Galantamin, Rivastigmin und Donepezil), die wissenschaftlich besonders gut untersucht sind. Die Cholinesterasehemmer blockieren ein Enzym, das für den Abbau des Acetylcholins zuständig ist – die so genannte Cholinesterase. Die Folge ist, dass im Gehirn die Konzentration des Botenstoffes Acetylcholin ansteigt. Galantamin übt neben der Enzym-Hemmung auch einen Effekt auf so genannte nikotinische Rezeptoren aus und fördert damit die Bindung von Acetylcholin an die Nervenzellen. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich durch den Einsatz eines Cholinesterasehemmers die Gesamtsymptome wie Gedächtnisstörungen, Störungen der Informationsverarbeitung, der Alltagsfertigkeiten und Verhaltensstörungen vorübergehend nicht weiter verschlechtern bzw. sogar teilweise verbessern. Die Pflege der Patienten wird dadurch erheblich erleichtert. Der Gedächtnisabbau kann mit diesen Wirkstoffen gegenüber einer Nichtbehandlung etwa 1 bis 2 Jahre verzögert werden. Einen anderen Weg hinsichtlich des Wirkmechanismus beschreiten so genannte Glutamat-Antagonisten (z.B. Memantine). Diese Substanzen blockieren die Glutamat-Empfangsstellen an den Synapsen (Verbindung zwischen zwei Nervenstellen) und hemmen so die Erregungsweiterleitung an den Nervenzellen, die durch Glutamat reguliert werden. Der Wirkstoff zeigt eine Stabilisierung des allgemeinen Leistungsniveaus über einen Zeitraum von 6 Monaten bei mittelschwer und schwer dementen Alzheimer-Patienten.

Oft werden Präparate wie Vitamin A, C, E und Gingko Biloba in der Behandlung von Alzheimer-Patienten eingesetzt. Die Wirksamkeit dieser Stoffe ist wissenschaftlich nicht erwiesen.

Um zu beurteilen, ob die Medikamente wirken, führt der Facharzt zwei bis drei Monate nach Beginn der Therapie eine erste Kontrolluntersuchung durch. Da die Hirnleistungsfähigkeit der Betroffenen auch ohne medikamentöse Therapie schwanken kann, wird ein Präparat aber mindestens drei Monate gegeben und dann erst über Erfolg oder Fehlschlagen der Therapie geurteilt. Das Ausbleiben einer Besserung bedeutet aber nicht, dass das Medikament nicht wirkt. Eher ist es so, dass die Hirnleistungsfähigkeit ohne das Medikament schlechter wäre.

Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten

Etwa 80% der Betroffenen fallen im Verlauf der Erkrankung durch gravierende Verhaltensänderungen auf: Sie beschimpfen z.B. Angehörige, nörgeln ständig, wehren sich aber auch körperlich gegen gut gemeinte Hilfestellungen, z.B. durch Schlagen, Spuken, Kratzen. Sie misstrauen ihren Angehörigen, sie bestehlen zu wollen oder laufen nachts unruhig umher, weil sie nicht wissen, ob Tag oder Nacht ist oder sie sich bedroht fühlen. Diese Verhaltensstörungen sind heute in jedem Stadium gut behandelbar. Risperidon ist als einziges modernes Neuroleptikum von der Arzneimittelbehörde für die Behandlung von Demenz-begleitenden Verhaltensstörungen wie schwere Aggressionen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen, zugelassen. Der Patient bleibt mit Risperidon tagsüber wach und aktiv, das Sturzrisiko ist somit reduziert.

Es kommen auch stimmungsaufhellende Mittel (z.B. Antidepressiva, speziell selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) zur Behandlung von Depressionen, Angstsymptomen oder Antriebsminderung bei Demenz zum Einsatz.

Benzodiazepine sind als Beruhigungsmittel generell nicht geeignet. Sie können nicht nur zur Abhängigkeit führen, sondern statt der erwünschten beruhigenden Wirkung so genannte paradoxe Reaktionen auslösen, d.h. der Patient kann unter Umständen mit starker Erregung reagieren. Außerdem werden die ohnehin schon eingeschränkten geistigen Fähigkeiten der Betroffenen noch weiter beeinträchtigt.

Begleittherapie

Neben der antidementiven Therapie und der Behandlung von Verhaltensstörungen sollte grundsätzlich eine Behandlung möglicher Grunderkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen sowie körperlicher Begleitbeschwerden wie z.B. eines Blasenkontrollverlusts (Inkontinenz) erfolgen. Auf eine ausgewogene Ernährung und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr sollte geachtet werden.

Um mobil zu bleiben, können Alzheimer-Patienten zusätzlich Physiotherapie erhalten. Sie fördert u.a. die Bewegungskoordination, die Körperwahrnehmung und den Antrieb. Auch eine Logotherapie mit Atemtraining kann bei Sprech- und Schluckproblemen hilfreich sein.

Fachliche Unterstützung: Priv.-Doz. Dr. med. Juraj Kukolja, Köln